Berlusconis Sprüche : Politischer Schuttberg

Eigentlich ist das Wort "peinlich" viel zu schwach für das, was Berlusconi anrichtet. "Man muss es sehen wie ein Camping-Wochenende", empfahl er den obdachlosen Erdbeben-Opfern. Erst tut die Natur ihr Zerstörungswerk, dann setzt der Mensch noch eins drauf.

Wolfgang Prosinger

Endlich, dachte man, hat er’s begriffen. Endlich ist er ganz der besorgte Landesvater. Das Leid im Erdbebengebiet, die Tränen der Menschen, die ihre Töchter und Söhne, Mütter und Väter verloren haben, sie sind Silvio Berlusconi zu Herzen gegangen. Jeden Tag ist er hinauf nach L’Aquila gefahren, wie ein Staatsmann, wie ein Mann des Mitgefühls. Und dann - was ist nur geschehen? - sagt er plötzlich in die Fernsehkameras, den Menschen dort oben in den Bergen fehle es doch an nichts. Sie hätten in ihren Zeltlagern alles, was sie brauchen, warmes Essen und medizinische Versorgung. „Man muss es sehen wie ein Camping-Wochenende.“

Da war er wieder, der Meister aller Fettnäpfchen. Nichts hat er gelernt. Nichts, nicht einmal das Sterben in den Trümmern, hält ihn ab von seinen peinlichen Sprüchen, die so zahllos sind wie die Sandkörner der Adriastrände. Beispiel: Man könne in Italien Vergewaltigungen eigentlich nicht verhindern, „weil unsere Frauen zu schön sind“. Beispiel:Er habe jetzt nach einer anstrengenden politischen Sitzung und drei Stunden Schlaf noch „Schwung für weitere drei Stunden Sex“. So etwas sagt der italienische Ministerpräsident, der Regierungschef eines der Kernländer Europas! Und er sagt es öffentlich. Bei jeder Gelegenheit. Oder er versteckt sich, wie unlängst in Triest, hinter einer Säule und ruft, als seine Kollegin Merkel vorbeigeht, plötzlich „Kuckuck“. Nein, er hat nichts begriffen. Er verhält sich mit seinen 73 Jahren noch immer wie in Jugendzeiten, als er als Conferencier auf Kreuzfahrtschiffen Schlager sang.

Eigentlich ist das Wort „peinlich“ viel zu schwach für das, was Berlusconi anrichtet. In Wirklichkeit erfüllt er den Tatbestand des staatsschädigenden Verhaltens. Denn Berlusconi gibt mit seinen Clownerien sein Land der Lächerlichkeit preis, er diffamiert Italien. Wie sollte man es ernst nehmen können bei so viel Unfug und Firlefanz?

So etwas ist schon in besseren Zeiten nicht hinzunehmen. Und jetzt, in den Tagen der Katastrophe, wird es vollends unerträglich. Denn in Italien ist nun ein Problem zu lösen, an dem es schon zu Zeiten seriöserer und kompetenterer Regierungschefs immer wieder einmal scheiterte: beim Katastrophenmanagement, beim Wiederaufbau. „Das Erdbeben beginnt nach dem Erdbeben“, heißt in Italien ein oft zitierter Satz. Er meint: Erst tut die Natur ihr Zerstörungswerk, dann setzt der Mensch noch eins drauf. Gelder wandern in falsche Taschen, Politiker und Unternehmer bereichern sich an den Summen, die eigentlich für die Katastrophenhilfe vorgesehen waren, und die Opfer werden allein gelassen. Noch heute ist das zu besichtigen in den süditalienischen Irpinia-Bergen, wo 1980 die Erde bebte und Tausende starben. Immer noch leben hier Menschen in Notunterkünften, die damals eilig als Provisorium errichtet wurden, als erste Hilfe, der eine zweite nie folgte. Und das ist kein Einzelfall, auch anderswo im Land, etwa in Sizilien, ereignete sich ein Gleiches.

Und jetzt? Sollte es ausgerechnet die Regierung Berlusconi besser machen? So sehr es dem Land zu wünschen wäre, so wenig ist es dem Ministerpräsidenten zuzutrauen. Seit 1994 ist er - mit Unterbrechungen - an der Macht, und in dieser Zeit hat er Italien in die Agonie regiert (übrigens mit tätiger Mithilfe einer unsäglich kraftlosen und zerstrittenen Opposition). In den vergangenen 15 Jahren erlebte Italien einen Absturz ohnegleichen. Auf dem Global Competitiveness Index, der die weltwirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit misst, steht das Land auf Platz 64.

Und mit dem wirtschaftlichen Verfall verfiel der Mythos Italien, das Image vom „Bel Paese“, dem Zauberland zwischen Brenner und Palermo, in dem neben den Zitronen auch alle Sinnlichkeiten und Kreativitäten blühen. Das Lieblingsland der Deutschen war ein Land ohne Eigenschaften geworden, und der Stiefel, wie kürzlich in einer deutschen Zeitung zu lesen war, zum Stinkstiefel. Eine Katastrophe, so groß wie ein Erdbeben. Und nirgendwo in der italienischen Politik ist Rettung in Sicht. Nicht bei der Linken, nicht bei der Rechten. Und am allerwenigsten bei Berlusconi.

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