Meinung : Besser rückversichern

Die Gesundheitswesen ist so teuer, weil es bei Preis und Leistung keine Wahl lässt

Christoph von Marschall

Ob Rente, Gesundheit oder Arbeitslosenversicherung: Die so genannten Reformen des sozialen Netzes lösen bei jedem neuen Anlauf verlässlich Empörung aus. Weil die Deutschen zu hohe Ansprüche an „den Staat“ haben? Vielleicht auch das. Die Hauptursache des Ärgers ist jedoch völlig berechtigt: Die Versicherten bekommen für immer höhere Beiträge immer schlechtere Leistungen. Es ist das Gegenteil dessen, was sie aus der freien Versicherungswirtschaft kennen: Dort können sie wählen, ob sie für eine bessere Risikoabdeckung mehr zahlen – oder ob sie an der Police sparen, doch dafür nur geringere Leistung erwarten dürfen.

Das deutsche Gesundheitswesen ist im internationalen Vergleich teuer, produziert aber nur leicht überdurchschnittliche Qualität. Würden die Bürger freiwillig dieses Preis- Leistungs-Verhältnis wählen? Sie werden nicht gefragt, sondern zwangsverpflichtet. Das ist eine Hauptursache für die hohen Kosten. Wenn einer so viel zahlen muss und keine Wahl hat, sich billiger abzusichern, will er auch das Maximum herausholen. Ein freier Konsument würde überlegen, wie viel ihm welches Produkt wert ist. Oder eben nicht.

Ähnlich auf der Anbieterseite: Offenen Wettbewerb, beste Produkte zu niedrigen Preisen anzubieten, gibt es kaum. Pharmaindustrie, Kassen, Spitäler, Ärzte berechnen – bei unzureichender unabhängiger Kontrolle –, was sie an Geld brauchen, um auf ihre Kosten zu kommen. Das Ergebnis ist, zum Beispiel, eine 50-prozentige Steigerung des Verwaltungsaufwands der Kassen seit 1989. Das System ist so teuer, weil die Preise stark von den Anbietern gesteuert werden, also hoch sind – und die Mengennachfrage von Verbrauchern, die wenig auf Sparsamkeit achten, weil ihre Beiträge eh nicht sinken.

Diese allzu menschliche Dynamik ließe sich umdrehen. Die Versicherten müssten die Wahl haben, wie sie durch ihr individuelles Verhalten ihre Beiträge senken können – und auf manche Leistungen verzichten, die heute zum Pflichtteil gehören. Bisher werden Leistungen fast nur zu dem Zweck gekürzt, Finanzlücken zu schließen. Das Angebot: 80 Prozent Beitragssatz, wenn einer zum Beispiel Brillen, orthopädische Hilfen und Kuren selbst bezahlt, fehlt.

Stimmt schon, man kann nicht die gesamte Krankenversicherung dem freien Markt überlassen, die Gesundheit ist, anders als Hausrat und Auto, ein existenzielles Gut. Wenn der Bürger aber entscheiden darf, ob er sein Auto, das den Wert einer aufwändigen Operation hat, nur Haftpflicht- oder auch kaskoversichert, dann kann man vielleicht auch bei der Gesundheit etwas mehr wagen – und die unverzichtbare Grundsicherung enger definieren. Wenn Kunden selbst entscheiden, ob sie für eine Arztleistung den geforderten Preis bezahlen oder lieber verzichten, werden die Kosten sinken, die Beiträge auch. Dann gibt es weniger zu verteilen zwischen den Anbietern. Das fürchten die Reformgegner. Eine Reform ohne Verlierer gibt es nicht. Und warum sollen die Bürger für Leistungen zahlen, die sie freiwillig nicht zu dem Preis kaufen würden?

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