Besuch des Dalai Lama : Mythos Tibet

Der Dalai-Lama ist in Deutschland. Und wie immer wird der Friedensnobelpreisträger als spiritueller Star verehrt. Warum nur?

Nicole Graaf

Der Dalai-Lama, das geistliche und weltliche Oberhaupt der Tibeter, weilt in Hamburg. In Deutschland ist er beliebter als der Papst, und weltweit hat er vielleicht schon mehr Fans als die Rolling Stones zu ihren besten Zeiten. Während seiner Vortragswoche wird er selbst zwar über Buddhismus und universelle ethische Fragen sprechen, doch wo der prominenteste Flüchtling der Welt zu Gast ist, spielt immer auch Politik eine Rolle. Denn seit rund 50 Jahren fordern die Tibeter im Exil ihr Land zurück.

1951 marschierte die Volksbefreiungsarmee Chinas in der tibetischen Hauptstadt Lhasa ein. China betrachtet Tibet als Teil seines Staatsgebiets. Kurz vor der Staatsgründung des heutigen China hatten die Tibeter jedoch einen eigenen Staat proklamiert. 1959, nach einem Volksaufstand, den die chinesischen Truppen gewaltsam niederschlugen, floh der Dalai-Lama nach Indien, wo er in dem Städtchen Dharamsala am Fuße des Himalajas eine tibetische Exilregierung etablierte. Tausende seiner Landsleute folgten ihm. Ihre Zahl im Exil wird heute auf rund 100 000 geschätzt. Sie kämpfen für die Autonomie ihres Landes.

Zu jedem Jahrestag des Aufstandes von 1959 in Lhasa sieht man alte tibetische Frauen in Kleidern mit bunt gestreiften Schürzen, Jugendliche mit erhobenen Fäusten und Free-Tibet-Stirnbändern und Mönche und Nonnen mit Spruchbändern in einem Demonstrationszug durch die tibetische Exilhauptstadt Dharamsala ziehen. Doch dazwischen finden sich seit einigen Jahren immer mehr weißhäutige Gesichter. Es sind Sympathisanten aus dem Westen.

Spätestens seit der Dalai-Lama 1989 den Friedensnobelpreis erhalten hat, stoßen die Tibeter im Westen auf viel Sympathie. Unterstützergruppen schreiben fleißig Petitionen an Politiker, sie drucken Free-Tibet-Aufkleber, organisieren Demonstrationen und stehen bei Tibet-Veranstaltungen hinter Tischen mit Büchern und Flugblättern. Auch beim Dalai-LamaBesuch in Hamburg sind politische Tibet-Organisationen mit Infoständen vertreten, Filme und Podiumsdiskussionen sind geplant. Sie alle wollen „über die Lage in Tibet aufklären“.

Dahinter stecken viele edle Motive. Aber das mit dem Aufklären ist so eine Sache – China ist ja für seine Propaganda bekannt, die Exiltibeter und ihre Unterstützer können das allerdings auch ganz gut. „Folter in Tibet“, „eine Hölle auf Erden“ „eine Generation in Gefahr – tibetische Kinder unter chinesischer Herrschaft“, so lauten einige der plakativsten Titel ihrer Schriften. In Flugblättern ist regelmäßig die Rede vom „kulturellen Genozid“, einer „geplanten Assimilierung“ oder einem „sterbenden Volk“. Häufig waren die Aktivisten nie selbst in Tibet; die Informationen in ihren Broschüren stammen hauptsächlich aus Dharamsala. Die Exilregierung dort publiziert Berichte über die Lage der Menschenrechte in Tibet, über die Umweltverschmutzung und die angeblich systematische Zerstörung der tibetischen Kultur durch China. Diese Informationen greifen die politischen Tibet-Organisationen auf und verbreiten sie weiter. So entsteht der Eindruck, als stünde hinter jedem Tibeter ein Chinese mit einem dicken Knüppel.

Dass China kein Rechtsstaat ist und dass dort Dissidenten – was immer man darunter verstehen mag – verfolgt werden, ist bekannt. Selbstverständlich gibt es in Tibet Menschenrechtsverletzungen, das ist unbestritten. Aber wenn man gebetsmühlenartig Schreckensgeschichten erzählt und alles andere ausblendet, verzerrt man die Realität ebenso, wie China es umgekehrt mit Jubelmeldungen über die Errungenschaften seiner Entwicklungspolitik in Tibet tut.

Jenseits von Gefängnismauern leben die Tibeter in Tibet einen ganz normalen Alltag. Sie feiern Feste, besuchen Verwandte, spielen mit ihren Kindern, tratschen mit Nachbarn, dreschen ihre Gerste, weiden ihre Yaks und pilgern zu Klöstern und heiligen Bergen. Nomaden rattern mit Motorrädern über holprige Landstraßen, um beim chinesischen Gemüsehändler in der nächsten Stadt einzukaufen. Tibetische Geschäftsleute sitzen mit chinesischen Kollegen beim Essen. Chinesen, die in Tibet leben, trällern die Hits tibetischer Popstars mit. Leute aus Peking und Schanghai reisen zu tibetischen Lamas und lassen sich im Buddhismus unterweisen.

Von einer systematischen Zerstörung der Kultur kann also keine Rede sein. Und die Rechnung „böse Chinesen, arme Tibeter“ geht längst nicht so eindimensional auf, denn die Realität sieht sehr viel komplexer aus: Beispielsweise sind Regierungen und Verwaltungen der von Tibetern bewohnten Gegenden zumindest zum Teil mit Tibetern besetzt. Unter ihnen finden sich genauso korrupte Beamte, die staatliche Gelder in die eigenen Taschen umleiten, wie unter ihren chinesischen Kollegen. Hinterher heißt es dann allerdings in den Reports der Tibet-Organisationen, die chinesische Regierung lasse die Tibeter darben. Wenn man aber von Missständen redet, muss man schon genau hinschauen – in Tibet ebenso wie andernorts.

Das Bild von den frommen Tibetern, die Opfer chinesischer Willkürherrschaft geworden sind, kommt bei Menschen im „Westen“, die von einer besseren Welt träumen, gut an. Es fügt sich in einen altbekannten Traum von einer erleuchteten Gesellschaft jenseits des Himalajas. Dieser „Mythos Tibet“ ist so alt wie die ersten Reiseberichte von dort. Schon im 18. und 19. Jahrhundert wussten Missionare, Abenteurer und Handelsreisende Wundersames aus „Thubet“ zu vermelden. Da war die Rede von fliegenden Mönchen und sagenhaften Schätzen. Der Schriftsteller James Hilton erschuf 1933, in seinem Buch „Lost Horizon“, das mythische Tal Shangri-la, ein Paradies auf Erden, in dem versteckt zwischen den hohen Gipfeln des Himalajas nur rechtschaffene Menschen unter Führung eines erleuchteten Lamas lebten.

Die Nazis dann vermuteten die Wiege der Arier und ein machtvolles, okkultes Wissen in Tibet und schickten eine Expedition los. Und in das Weltbild der New-Age-Bewegung, das die Anhänger aus Lehren der Weltreligionen und den Eingebungen selbsternannter Gurus zusammengepuzzelt haben, mischen sich ebenfalls Elemente des tibetischen Buddhismus. Die Filme „Sieben Jahre in Tibet“ und „Kundun“ machten den „Mythos Tibet“ schließlich bei einem breiten Publikum populär. Tibet gegen China: Das ist in der Wahrnehmung vieler Sympathisanten wie David gegen Goliath.

Die Exiltibeter haben sich dieses Wunschbild des Westens von ihrer Gesellschaft zunutze gemacht und spinnen den „Mythos Tibet“ seither weiter: Beispielsweise griffen sie Gandhis Thesen auf, verschrieben sich dem gewaltlosen Widerstand und konnten damit an die internationale Friedensbewegung anknüpfen. Als die grüne Welle durch die westliche Hemisphäre zu schwappen begann, konstruierten sie eine Verbindung zwischen dem Umweltschutzgedanken und dem Buddhismus. Der schreibt vor, alle fühlenden Wesen zu achten. Dazu passt dann eben auch, ihren Lebensraum, sprich „die Umwelt“, zu erhalten.

So können die Exiltibeter ihre eigene Kultur als positiven Gegenentwurf zum „Unterdrücker China“ präsentieren und rennen damit im Westen offene Türen ein; denn die Angst vor der „gelben Gefahr“ hat in Zeiten des wirtschaftlichen Aufstiegs Chinas wieder Konjunktur.

Allerdings ist Dharamsala genauso wenig ein Shangri-la wie China nur aus Folterknechten besteht. Die Exiltibeter haben sich eine rigide Selbstzensur auferlegt. Alles, was dem Bild eines friedfertigen, umweltfreundlichen, rechtschaffenen Volkes entgegenläuft, wird unter den Teppich gekehrt. So möchte man die tibetische Guerillaarmee, die in den 60er Jahren mit Unterstützung der CIA von Nepal aus Attacken gegen die Chinesen lancierte, am liebsten vergessen. Deren Mitglieder beklagen, dass die Exilregierung sie für ihren Einsatz bis heute nicht gewürdigt hat. Dass das alte Tibet ein Feudalsystem war, in dem mit harter Hand regiert wurde, wird ebenso ungern angesprochen.

Ihre Religion, der Buddhismus, ist das Aushängeschild, mit dem die Tibeter weltweit trumpfen können. Nichtbuddhistische Tibeter im Exil – wie Anhänger der älteren Bön-Religion oder tibetische Muslime, von deren Existenz wohl kaum ein Tibet-Sympathisant je etwas gehört hat – wurden hingegen lange Zeit sowohl von allen politischen Mitspracherechten als auch vom Geldsegen aus dem Westen, der zentral verteilt wird, ausgeschlossen.

Die ausländischen Hilfsgelder, die bei den Exiltibetern ankommen, landen zudem nicht immer in den Taschen Hilfsbedürftiger. Einige, die sich Lamas nennen, aber keine sind, nutzen die Naivität ihrer westlichen Klientel aus und kaufen sich mit deren Spendengeldern und Kursgebühren große Autos und goldene Uhren. Da es für die Tibeter im indischen Exil wenig Einkommensmöglichkeiten gibt, sind viele auf die Unterstützung ausländischer Paten angewiesen. Manche leben recht bequem vom Geld mehrerer Paten, die nichts voneinander wissen.

Hierzulande hört man solche Nachrichten selten. Dass die Exiltibeter ein positives Image nach außen tragen wollen und daher Missstände in der eigenen Gesellschaft verschweigen, ist verständlich. Ohne finanzielle Unterstützung aus dem Ausland könnten sie im Exil nicht überleben – und ohne Rückhalt für den Kampf um ihr Land könnten sie ihren Traum von der Freiheit begraben. Dies ist sicherlich auch einer der Gründe, warum der Dalai-Lama unablässig um die Welt tourt und nicht nur buddhistische Belehrungen erteilt, sondern auch Society-Termine wahrnimmt und zu unzähligen Büchern, die einigermaßen zu seinen Konzepten passen, Vorworte schreibt oder sie signiert.

„Propaganda ist die einzige Ressource von Flüchtlingsgesellschaften“, so formulierte es einmal ein Tibet-Experte. Wenn man Helden und Bösewichte eindeutig definiert, kann man die Herzen westlicher Freiheitsutopisten leichter erobern als mit einer differenzierten Darstellung der Situation. Dies wird aber langfristig niemandem nützen – am allerwenigsten den Tibetern in Tibet selbst.

Das Mantra von den tibetischen Opfern einer chinesischen Schreckensherrschaft, das Tibet-Unterstützer aufsagen, produziert stattdessen oft blinden Aktionismus und führt zu verhärteten Fronten. Aktuelles Beispiel: US-amerikanische Aktivisten der „Students for a free Tibet“, einer politischen Organisation mit Basis in den USA, protestierten kürzlich am Everest Base Camp auf tibetischer Seite gegen die Olympischen Sommerspiele 2008 in Peking und rollten ein Free-Tibet-Banner aus.

Das Ergebnis der Aktion ist, dass die Regierung Ausländer in Tibet wieder einmal in ihrer Bewegungsfreiheit einschränkt. Das wiederum beeinträchtigt nicht nur den Tourismus, sondern behindert auch die Arbeit der ausländischen Organisationen, die dort soziale Projekte betreiben. Zudem steht nun die lokale Bevölkerung unter verstärkter Beobachtung der Polizei. Leidtragende der Aktion sind also vor allem die Tibeter, die im Land leben müssen. Gefragt hat die allerdings keiner. Das ist meistens so; eine Hand voll Exiltibeter und Tibet-Aktivisten reklamiert für sich das Recht, für das Wohl von fünf bis sechs Millionen Tibetern in Tibet zu sprechen.

Diese wissen allerdings selbst am besten, was gut für sie ist. Ihre Lebensrealität sieht nun einmal so aus, dass sie sich mit den Chinesen in ihren Land arrangieren müssen. Daran führt kein Weg vorbei. Ihre besten Chancen auf ein Stück Selbstbestimmung sind wahrscheinlich Bildung und wirtschaftlicher Aufstieg. Sie darin zu unterstützen, wird ihnen langfristig mehr nützen als jede noch so gut gemeinte Demonstration.

Mit einer guten Bildung und eigenen wirtschaftlichen Ressourcen könnten mehr Tibeter in Politik, Wirtschaft und Kultur die Geschicke ihres Landes mitgestalten – zwar stets im Rahmen der Gesetze und Regeln des chinesischen Staates, aber immerhin. Und das käme einer „echten Autonomie innerhalb Chinas“, die der Dalai-Lama für sein Land wünscht, näher als alles, was bisher erreicht wurde.

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