Meinung : Besuch im Aquarium

GASTKOMMENTAR

Von Pascale Hugues

Wo lebt es sich besser? Im Aquarium oder im Ozean, in einer kleinen Provinzstadt, die nach Jauche und Weihwasser riecht, oder in der Hauptstadt, die Auspuffgase und Lasterhaftigkeit atmet? Kaff oder Moloch, Heimat oder Metropole, Rückzug oder Aufbruch, so nah oder so fern – kein Land Europas wirkt so zerrissen zwischen diesen Gegensätzen wie das föderale Deutschland.

Nachdem der Patriarch Reinhard Mohn beschlossen hat, das Gewicht von Familie und Tradition in seinem Imperium zu stärken, befindet sich auch Bertelsmann in diesem Dilemma. Der Medienkoloss schwankt zwischen der Treue zu seinen Wurzeln und seinen weltweiten Ambitionen. Dynastie oder global player. Ostwestfälisches Dallas oder Weltkonzern. Gütersloh oder New York, Kolbeplatz oder Times Square. Der Kolbeplatz ist die Lunge dieses kleinen Marktfleckens, der zu schnell zu reich geworden ist, wie so viele deutsche Städtchen. Die Pizzeria und der Eis-Italiener sind die einzigen exotischen Oasen, Benetton und McDonalds die Einfallstore der Globalisierung. Das beste Hotel der Stadt ist im englischen Country-Stil eingerichtet. Die Bar „Celona“ verbreitet etwas Kastagnetten-Flair und den Anschein von Nachtleben in den ab 20 Uhr dunklen Straßen. Bertelsmann und Gütersloh – das ist wie Michelin und Clermont-Ferrand: eine unentwirrbare Symbiose. Eine lange Liebesgeschichte voller Zweideutigkeiten.

Es ist nur natürlich, dass die sparsame und konformistische deutsche Provinz, geprägt durch ihre Traditionen, das amerikanische Management verachtet und die Stars eines Jetsets ohne Werte und Prinzipien, die wie die Fische im Wasser zwischen dem alten Europa und dem vibrierenden Amerika hin- und hergleiten, die Playboys der new economy, die es wagen, auf die ehrwürdigen Titel deutscher Diplome zu verzichten und sich informell mit Vornamen und Sie anzureden. Der Deutsche Thomas Middelhoff und der Franzose Jean-Marie Messier, Ex-Chef von Vivendi, sind auf dem Boden Ostwestfalens nicht mehr gern gesehen.

Die Geschichte wäre in Ordnung, wenn die Provinzler sich mit der Provinz zufrieden gäben. Aber das kleine Gütersloh scheint in Panik zu geraten bei der Vorstellung, als schlecht gestylter Gernegroß zu gelten, und beeilt sich, seine Weltläufigkeit zu beweisen. In Gütersloh betont man, dass Bertelsmann Times Square bedeute, New Yorks beste Adresse, wo die Firmengruppe ihre Büros habe. Man überhäuft den Besucher mit Zahlen, wie gut die Geschäfte in den USA laufen. Man schmückt die Sätze mit den banalsten amerikanischen Redewendungen. Und weil die Starletts sich beim „Rosenball“, der Wohltätigkeitsveranstaltung von Gütersloh, etwas beengt fühlten, musste der mondäne Event nach Berlin umziehen. Pfui, Gütersloh!

Im ICE, der mich von dieser ethnologischen Erkundung der reinen deutschen Provinz nach Hause bringt, freue ich mich auf Berlin, die einzig wahre Stadt in Deutschland. Sie ist noch kein Ozean, aber auch kein Aquarium mehr. Die goldene Mitte?

Die Autorin schreibt für das französische Magazin „Le Point". Foto: privat

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