Meinung : Betreten auf eigene Gefahr

In Berlin mussten 7000 Gäste wegen einer Schlägerei am Beckenrad ein Freibad verlassen

Henryk M. Broder

In Berlin musste am Sonnabend ein Freibad geräumt werden, nachdem „konkurrierende Familienclans mit Migrationshintergrund“ eine „Massenschlägerei am Beckenrand“ lostraten. Tausende von Badegästen verließen die Anlage, um nicht zwischen die Fronten zu geraten – wie ein Wachmann, der bei dem Versuch, zwischen den kämpfenden Parteien zu schlichten, verletzt wurde. Alles ging so schnell, dass sogar die anwesenden Angehörigen der Friedensbewegung keine Zeit hatten, ein paar Transparente zu entfalten: „Gewalt ist keine Lösung“ und „Sonnenbaden für den Frieden“.

Das Ereignis wirft einige Fragen auf. Zum einen: Was sind „konkurrierende Familienclans mit Migrationshintergrund“? Handelt es sich um Ostfriesen und Oberbayern, die nach Berlin gezogen sind? Oder Tschechen und Slowaken, die sich nicht darauf einigen können, ob man „Chleb“ oder „Chlieb“ sagen soll, wenn von „Brot“ die Rede ist? Wird dem Leser da nicht eine relevante Information vorenthalten?

Zweitens: Was war der Grund für die „Massenschlägerei am Beckenrand“? Hatte der eine Familienclan alle Liegestühle bereits mit Handtüchern belegt? Oder angefangen, mitgebrachte Würstchen zu grillen, ohne den anderen um Erlaubnis zu fragen? Wir erfahren es nicht. Also müssen wir uns selber ein Bild machen. Und das fällt überwiegend positiv aus.

Die Berliner reagierten auf den Ausbruch der Schlägerei so, wie man es von toleranten, gut erzogenen und umsichtigen Großstädtern erwartet: Sie machten sich vom Acker. Das war nicht nur klug, es zeugte auch vom Respekt gegenüber anderen Kulturen, deren Angehörige etwas weniger tolerant, weniger gut erzogen sind und eher spontan als umsichtig reagieren, wenn ein Problem auftaucht, dessen Lösung keinen Aufschub duldet. Da die meisten Berliner für einen sofortigen und bedingungslosen Abzug der deutschen Truppen aus Afghanistan sind, ohne diese Forderung durchsetzen zu können, haben sie sich in einer vergleichbaren Situation – Kampf konkurrierender Familienclans – vom Schauplatz des Geschehens sofort und bedingungslos zurückgezogen, um der Bundeswehr als Beispiel zu dienen: „Na bitte, geht doch!“

Das Verhalten der Berliner Bürger entsprach durchaus dem Deeskalationskonzept der Berliner Polizei, die „Anti-Konflikt-Teams“ losschickt, um Autonome in Gespräche über den Sinn des Lebens zu verwickeln, damit sie von Gewaltakten absehen. Dieses Konzept ist sehr erfolgreich. Letztes Jahr wurden über 400 Polizisten bei den Mai-Krawallen verletzt, heuer waren es nur noch halb so viele.

Wie aber sollen sich die toleranten, gut erzogenen und umsichtigen Berliner verhalten? Sie sollten weiter deeskalieren und den Besuch von Freibädern meiden, damit „Familienclans mit Migrationshintergrund“ ihre Differenzen ungestört austragen können. Die Polizei wird das begrüßen. Um ganz sicher zu gehen und damit niemand sagen kann, er sei nicht gewarnt worden, wird sie am Eingang zu jedem Freibad ein Schild anbringen: „Betreten auf eigene Gefahr!“

Der Autor ist Reporter beim „Spiegel“.

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