Bilanz : Wie geschmiert

Siemens präsentiert blendende Zahlen und eine Strategie, die anfällig ist für Korruption. Künftig will der Konzern vor allem auf Großaufträge setzen.

Moritz Döbler

Eine Bilanz vorzulegen, die Aktionäre und Börsianer begeistert: Das ist die wichtigste Aufgabe des Vorstandsvorsitzenden am Ende des Geschäftsjahrs. So gesehen hat der neue Siemens-Chef Peter Löscher seine Sache gestern gut gemacht – der Kurs schnellte nach oben. Es wurde auch Zeit, denn seit seinem Amtsantritt hatte der Börsenwert des Technologiekonzerns mehr als zehn Milliarden Euro eingebüßt.

In den Papierstapeln mit den neuen Geschäftszahlen findet sich auch ein 13-seitiges Dokument mit dem schlichten Titel „Rechtsstreitigkeiten“, das es in sich hat. Es ist ein Register der Korruption. Das spektakuläre Münchner Verfahren, das zu einer Geldbuße von 201 Millionen Euro führte, nimmt dabei nur wenig Raum ein. Da gibt es Ermittlungen und Untersuchungen in Frankreich, Italien, Griechenland, Polen, Ungarn und in der Schweiz, in der Türkei, Indonesien, Japan und China, in Mexiko, Argentinien und – am gefährlichsten – in den USA. Es ist kein Wunder, dass Siemens derzeit einige hundert Anwälte beschäftigt.

Am Ende der 13 Seiten kann man nur zu einem Schluss kommen: Die Korruption hatte System – ja, sie war das System, mit dem Siemens Geschäfte machte. Dieser stolze Technologiekonzern, vor 160 Jahren in Berlin gegründet, der Inbegriff des Qualitätsmerkmals „Made in Germany“, hat in der ganzen Welt geschmiert und getrickst. Das sei nun alles anders, verspricht Peter Löscher: Siemens mache nur noch saubere Geschäfte.

Nun ist „sauber“ ja kein juristischer Begriff. Sauber sind Geschäfte auf jeden Fall dann, wenn man sich nicht erwischen lässt. Da gleicht die Wirtschaft dem Fußball, wo ein Foul auch nur dann ein Foul ist, wenn der Schiedsrichter pfeift. Ob man den neuen Rechtsvorstand Peter Solmssen missversteht, wenn man zwei Sätze von ihm in diese Richtung auslegt? „Es ist in fast allen Ländern möglich, saubere Geschäfte zu machen. Man muss nur die richtige Struktur haben“, sagte der Amerikaner in perfektem Deutsch.

Löscher und seine Leute haben einen Vertrauensvorschuss verdient. Man möchte ihnen glauben, wenn sie sagen, dass es künftig keine Grauzonen gibt. Sicher aber ist, dass es für Siemens nicht leichter, sondern schwieriger wird, sich sauber zu verhalten. Denn der Konzern setzt künftig noch weniger auf die kleinen Verbraucher, die Kaffeemaschinen, Handys, Navigationssysteme oder Computer kaufen, und noch stärker auf Großaufträge in den Bereichen Industrie, Energie und Medizintechnik. Häufig sind hier die Auftraggeber Regierungen und Potentaten in fernen Ländern, deren Vertreter an „nützliche Aufwendungen“ gewöhnt sind.

So führt die Fokussierung des Konzerns in neue Gefahren. Noch können sich Löscher und die Seinen hinstellen, die Vergangenheit demonstrativ schonungslos ausleuchten und ihre Vorgänger verantwortlich machen. Auch die Sanktionen der US-Finanzaufsicht SEC, die vielleicht noch auf Siemens zukommen, wird das Unternehmen vermutlich wegstecken. Ob sich aber die Kultur der fast einer halben Million Siemensianer weltweit wirklich nachhaltig ändern lässt, wird sich zeigen müssen. Im zu Ende gegangenen Geschäftsjahr wurden gegen ein Promille der Mitarbeiter disziplinarische Schritte wegen Korruption ergriffen. Bis klar ist, wie sauber Siemens wirklich ist, legt das Unternehmen noch einige Jahresbilanzen vor.

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