Bildung : Alte Methoden, neue Experimente

Das "jahrgangsübergreifende Lernen" von Erst- und Zweitklässlern verspricht Großes. Susanne Vieth-Entus spricht darüber, warum aber das altersgemischte Lernen nicht für alle Schulen gut ist.

Susanne Vieth-Entus

Es gibt ja die tollsten Operationsmethoden heutzutage. Da kann mit feinsten Geräten ohne große Schnitte vollbracht werden, wofür früher eine ganz große Schere und das entsprechende Blutbad notwendig waren. Niemand würde heute auf die Idee kommen, auf den alten Methoden zu beharren. Es sei denn, es gäbe vor Ort keinen Chirurgen, der die neuen Methoden beherrscht, keine neuen feinen Geräte und keinen OP-Saal.

Genau dieses Dilemma ist aber jetzt eingetreten. Allerdings nicht im Krankenhaus-, sondern im Schulwesen. Die fortschrittliche Methode, die hier Großes verspricht, nennt sich „jahrgangsübergreifendes Lernen“ und besteht darin, dass Erst- und Zweitklässler zusammen unterrichtet werden. Nur leider gibt es nicht genügend Lehrer, die diese Methode wirklich beherrschen. Es gibt auch nicht überall die geeigneten Räumlichkeiten. Dennoch hat die Politik angeordnet, dass ab nächstem Jahr ausnahmslos alle Schulanfänger auf die Jahrgangsmischung zusteuern.

Nun ist es zwar nicht so, dass es in der Schule gleich um Leben und Tod ginge wie bei einer Operation. Dennoch sind die Risiken erheblich, denen man die kleinen Schüler aussetzt. Man muss sich das vorstellen: Ein Klassenraum mit bis zu 28 Kindern, von denen einige nicht mal ihren Namen schreiben können, andere aber ganze Schulhefte. Von denen einige nicht mal ihre Schuhe zubinden können, andere aber schon SMS austauschen. Sie alle sollen gefördert und gefordert werden; sollen sich geborgen fühlen, neue Welten entdecken.

Dass das geht, beweisen Tag für Tag etliche Schulen in Berlin. Sie stellen sogar fest, dass Kinder in altersgemischten Klassen mehr lernen als in den „normalen“ Parallelklassen, weil die Großen den Kleinen viel erklären können, weil die Lehrer gelernt haben, gleichzeitig auf unterschiedlichen Niveaus zu unterrichten. Sie haben vielfältige Materialien entwickelt, haben die Klassenräume in kleine Lernecken unterteilt, in denen auch Lesepaten gut integriert werden können.

Nur leider: Es gibt Schulen, die so beengt sind, dass sich nicht einmal auf dem Flur Leseecken einrichten lassen. Es gibt Schulen, in denen es keine jungen Lehrer gibt, die bereit sind, Neues zu wagen. Es gibt Schulen, in denen der Krankenstand zu hoch ist, um Kollegen zu Fortbildungen zu schicken.

Wer solche Schulen zur Jahrgangsmischung zwingen will, würde sicher auch versuchen, im Buschlazarett ein neues Hüftgelenk einzusetzen – minimalinvasiv.

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