Bildung : Die Chefin kocht

Bildung ist die Herausforderung der Zukunft, der Schlüssel für Wohlstand und Gerechtigkeit. Und deshalb eines der zentralen Themen für den bevorstehenden Wahlkampf. Angela Merkel entreißt der SPD das Thema - und ihren eigenen Länderfürsten.

Antje Sirleschtov

Gibt es in diesen unsicheren wirtschaftlichen und sozialen Zeiten einen wirksamen Schutz davor, im internationalen Wettlauf unter die Räder zu kommen? Gibt es ein Beispiel, an dem sich die ganze Ungerechtigkeit der deutschen Gesellschaft dokumentieren lässt? Was brennt uns allen – ob alt oder jung, ob schlau oder dumm, ob links oder konservativ – besonders auf den Nägeln?

Bildung heißt die Antwort auf all diese Fragen, deren Kette sich wahrscheinlich beliebig fortsetzen ließ. Und immer kommt man zu der gleichen Erkenntnis: Bildung ist die Herausforderung der Zukunft, der Schlüssel für Wohlstand und Gerechtigkeit. Und deshalb eines der zentralen Themen für den bevorstehenden Wahlkampf. Angela Merkel hat das erkannt und zu ihrem, dem Thema der CDU, erklärt. „Bildung für alle“, sagt sie, löst nach 60 Jahren „Wohlstand für alle“ ab. Was bleibt der Wahlkämpferin da noch anderes zuzurufen als: Chapeau, Madame! So kann man die eigenen Leute in Reih und Glied zwingen, so kann man das Interesse breiter Bevölkerungsschichten an Politik wecken. So lässt man auch den politischen Gegner ziemlich blass aussehen.

Bleibt Merkels Ankündigung keine Eintagsfliege, wird sie stattdessen ins tägliche Leben übersetzt, mündet in konkreten politischen Initiativen, die zu praktisch messbaren Veränderungen führen, dann kann man es drehen und wenden, wie man will: Dann hat die CDU nach der Familienpolitik und der Integrationspolitik den Sozialdemokraten an diesem Tag erneut ein wichtiges politisches Thema aus der Hand genommen. Eines, das sich für die Kanzlerin zudem vorzüglich zur Zähmung allzu forscher CDU-Ministerpräsidenten eignet. Denn die sind als Gralshüter des föderalen Bildungs- kleinkleins für die Misere der vergangenen Jahre zumindest mitverantwortlich.

Natürlich kann man der CDU-Vorsitzenden Merkel jetzt vorwerfen, dass sie Kapital auch aus der Untätigkeit der großkoalitionären Kanzlerin Merkel schlägt. Bildung, das steht ja schließlich schon im Koalitionsvertrag. Mehr und besser und gerechter soll sie werden, heißt es da unter Spiegelstrich 3. Und wie muss man drei Jahre Bildungspolitik unter der CDU-Ministerin Annette Schavan beurteilen, wenn jetzt – kurz vor Toreschluss – die Kanzlerin selbst die Initiative ergreift?

„Chefsache“ hieß das Wort in früheren Zeiten, das benutzt wurde, wenn eine Selbstverständlichkeit der Tagesarbeit aus der grauen politischen Masse herausgeholt und damit auf der Prioritätenliste ganz nach oben gehoben wurde. Merkel hat die Bildung jetzt auf diese Weise geadelt. Sie hat durch die Einrichtung eines nationalen Bildungsgipfels nicht nur ein Forum einberufen, das die Akteure im föderal zermalmten und im Interessenwirrwarr zerriebenen Bildungsbereich an einen Tisch holt und sie zu gemeinsamen Impulsen zwingt. Sie hat auch den unterschiedlichen Strömungen in ihrer Partei – vom Sozial- bis hinüber zum Wirtschaftsflügel – ein gemeinsames Politikziel geöffnet: „Bildung für alle“.

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