Bildung in Berlin : Reif für die Nachprüfung

Zurück in die Vergangenheit kann es nicht gehen. Der Senat muss aber bilanzieren, wo der Eifer zu weit geht – und welche Bildungsreformen scheitern, weil sie nur auf dem Papier funktionieren. Ein Kommentar.

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Berlins Schulen sind eine permanente Baustelle.
Berlins Schulen sind eine permanente Baustelle.Foto: dpa

Sitzenbleiber. Ja, das ist die Hauptstadt, was die Ergebnisse des bundesdeutschen Bildungsberichts angeht. Vorletzte Plätze beim Lesen und Hörverständnis. Aber Sitzenbleiben gibt es nicht mehr – auch das wurde abgeschafft. Denn reformscheu ist Rot-Rot in Berlin wirklich nicht. Insgesamt 23 Reformvorhaben sind in den vergangenen Jahren über die Schulen gekommen. Das Ergebnis? Bei der Pisa-Erhebung 2003 lag Berlin unter den Bundesländern auf Platz neun; heute würde sich der Senat über solche Platzierung freuen.

Dabei sind Berlins Schulen eine permanente Baustelle – von den zusammengelegten Grundschulklassen, die Schulen und Eltern auf die Barrikaden treiben, über den Aufbau der Sekundarschulen, in die Hauptschulen integriert werden sollen, bis hin zum Express-Abitur nach zwölf Jahren. Ganz falsch ist kaum eine der Maßnahmen, die die Schulen derzeit in einen atemlosen Veränderungsprozess zwingen. Das Bildungssystem aber krankt daran, dass kluge Gedanken gedankenlos umgesetzt werden. Deswegen werden Schüler, aber auch Eltern und Lehrer in Berlin zu Opfern eines lebensfernen Veränderungseifers gemacht.

Ein Beispiel ist das jahrgangsübergreifende Lernen der Erst- und Zweitklässler. Was bei motivierten Kindern aus bildungsorientierten Familien bestens klappt, funktioniert in der problembeladenen Realität der Klassenzimmer mit vielen Migrantenkindern mit geringem Sprachvermögen selten. In manchen Schulen wird schon jedes zweite Kind nicht versetzt. Kann man mit einem furchtbareren Misserfolg ins Leben starten? Weil Berlin zudem früher einschult, Zurückstellungen die Ausnahme sein sollen und lernbehinderte Kinder in normale Klassen eingegliedert werden müssen, sind Kinder und Lehrer heillos überfordert. Kein Wunder, dass die Sehnsucht nach den abgeschafften Vorklassen wächst. Konsequenzen? Nicht geplant.

Wenn Berlin gegenüber den anderen Bundesländern bestenfalls stagniert, dann ist das längst eine Sache des Regierenden Bürgermeisters und nicht nur die Verantwortung von Bildungssenator Jürgen Zöllner, dessen Leidenschaft erkennbar mehr der Wissenschaft als den Schulen gilt. Die Erfahrungen mit der neuen Sekundarschule und die Ergebnisse der Grundschulreform werden im Herbst 2011 die Wahlen in Berlin entscheiden. Bildungsfragen haben Sprengkraft, an der Spree, aber auch in Hamburg, wo die schwarz-grünen Gemeinschaftsschulpläne die Bürger auf die Straße treiben, und möglicherweise bald auch im rot-grün regierten Nordrhein-Westfalen.

Eines geht angesichts der deprimierenden Ergebnisse des Bildungsberichts unter: In keinem Bundesland gibt es bessere Chancen, mit niedriger sozialer Herkunft aufs Gymnasium zu kommen. Ein zweifelhafter Erfolg rot-roter Politik: Nirgendwo ist zugleich die Gefahr des Scheiterns auf dem Weg zum Abitur so sehr von der Herkunft abhängig wie hier.

Zurück in die Vergangenheit kann es nicht gehen. Der Senat muss aber bilanzieren, wo der Eifer zu weit geht – und welche Reformen scheitern, weil sie nur auf dem Papier funktionieren oder weil dafür nicht genügend Mittel, Lehrer und Sozialarbeiter bereitstehen. Mehr Geld allein ist nicht die Lösung. So hat Berlin die beste Kita-Versorgung der Republik, und dennoch werden Kinder häufig ohne deutsche Sprachkenntnisse eingeschult. Hier fehlt es an individueller Förderung und Kontrolle, nicht an Reformen. Weniger ist zuweilen mehr – vor allem für die Kinder. Denn für die ist Schule da.

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