Bildung in Berlin : Zur Privatschule darf man sich bekennen

Es ist paradox: Immer mehr Kinder gehen auf Privatschulen, doch ihre Eltern wollen sich immer weniger dazu bekennen. Dabei spricht nichts dafür, dass öffentliche gegenüber privaten Schulen benachteiligt werden.

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Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin. Sie war unter anderem Chefredakteurin von "impulse".
Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin. Sie war unter anderem Chefredakteurin von "impulse".Foto: Mike Wolff

Nie gab es mehr Kinder in Berlin, die eine Privatschule besuchen. Jedes zehnte Kind aus der Hauptstadt wird ab dem kommenden Schuljahr an einer dieser Schulen lernen. Nie aber gab es weniger Eltern, die offen darüber sprechen. Das ist verrückt. Denn kaum eine Wahl treffen Eltern bewusster als die der Schule für ihre Kinder. Sie haben allen Grund, diese Entscheidung selbstbewusst zu vertreten.

Warum ist es neuerdings so peinlich, seine Kinder auf eine Privatschule zu schicken? In einer Stadt mit einem aufgeregten sozialen Klima wie Berlin liegt das auf der Hand: Die Eltern fürchten, als pädagogische Gentrifizierer ausgemacht zu werden. Sie schämen sich ein bisschen, weil sie den öffentlichen Schulen wertvollstes Sozialkapital – nämlich ihren eigenen Nachwuchs – vorenthalten. Was für ein Unsinn.

Privatschüler-Eltern entschuldigen sich unentwegt. Sie loben das öffentliche Schulsystem. Dann beklagen sie die leider außerordentliche Neigung des Nachwuchses zum Altgriechischen. Oder sie sagen, wie wichtig ihnen der Religionsunterricht oder die Steiner’schen Lehren sind. Ja und? Auch ohne besondere Begabung wäre das alles in Ordnung. Private und öffentliche Schulen kannibalisieren sich nicht, sie treiben sich an. Gute öffentliche Schulen haben kein Problem mit der sozialen Mischung ihrer Schüler. Wenn öffentliche Schulen schließen müssen, tun sie das nicht, weil nebenan eine Privatschule eröffnet. Und private Schulen machen nicht zu, weil in der Nachbarschaft auf hohem Niveau öffentlich-rechtlich gelernt wird. Schulen schließen, wenn sie schlecht sind.

Dass es in Berlin eine der jeweiligen Sozialstruktur entsprechende Mischung von guten öffentlichen und privaten Schulen gibt, hat das diesjährige Abitur bewiesen. Quer durch alle Schulformen haben Schüler in sozial gefestigten Stadtteilen ein gutes, in benachteiligten Vierteln ein ordentliches Abitur gemacht. Das zeigt, dass es nach wie vor einen skandalösen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen gibt. Aber es beweist nicht, dass die öffentlichen Schulen gegenüber den privaten benachteiligt sind.

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