Meinung : Bildung kostet, Dummheit auch

Einheitliche Qualitätsstandards und Ganztagsschulen führen aus der Bildungsmisere

Uwe Schlicht

Das kranke Schulsystem in Deutschland braucht mindestens zwei Therapien: Bildungsstandards und den Ausbau vieler Schulen für Ganztagsangebote. Die Bildungsstandards sind deshalb eine richtige Therapie, weil sie sich an OECD-Tests orientieren, mit denen seit über zehn Jahren die Schulleistungen in den wichtigsten Industriestaaten verglichen werden. Diese zeigten in Mathematik, Naturwissenschaften und dem Leseverständnis, dass sich Deutschland auf dem falschen Weg befindet, wenn die Schulen sich mit überfrachteten Lehrplänen von Klassenarbeit zu Klassenarbeit tasten. Aus der Addition von Noten entsteht noch kein für das Leben verfügbares Wissen. Was hilft den Schülern eine befriedigende Note in Mathematik, wenn sie in der Praxis vor Werbegags kapitulieren, statt beim Kauf eines Handys das günstigste Angebot selbst zu errechnen. Und was nützt eine gute Deutschnote, wenn die Schüler nicht in der Lage sind, eine Gebrauchsanweisung zu verstehen oder sich aus Zeitungsartikeln ein Urteil zu bilden.

Deutschland muss von zwei Fiktionen Abschied nehmen. Erste Fiktion: Jugendliche könnten ihre Freizeit selbstverantwortlich gestalten. 43 Prozent der Jugendlichen in Brandenburg geben an, in ihrer Freizeit nie zum Vergnügen zu lesen. Selbst in Bayern liegt dieser Anteil noch bei 33 Prozent: Die Spaßgesellschaft fordert ihre Opfer. Wenn das viel gerühmte Interesse deutscher Jugendlicher am Computer mithilfe empirische Forschung durchleuchtet wird, zeigt sich dasselbe Bild: Deutsche Jugendliche benutzen den Computer zum Spielen und Chatten, aber im internationalen Vergleich erschreckend wenig zum Lernen.

Zweite Fiktion: Man könne darauf vertrauen, dass Eltern sich um den Bildungsweg ihrer Kinder kümmern. Dass viele Eltern die Bildung ihrer Kinder nur unzureichend begleiten, ist nicht nur in der Unterschicht und bei Ausländern anzutreffen, sondern auch in vielen Familien, in denen beide Eltern berufstätig sind. Deswegen ist das Ganztagsschulprogramm der Bundesregierung richtig. Sie hat das Vier-Milliarden-Projekt über jenen Grundgesetzartikel gestartet, der bedeutsame Investitionen zur Abwehr einer Wirtschaftskrise und zur Förderung des wirtschaftlichen Wachstums vorsieht. Denn die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands steht auf dem Spiel, wenn in der Bildungspolitik kein Wandel eintritt.

Ein Rat aus Kreisen der OECD ist jedoch unangebracht. Der, dass Deutschland das gegliederte Schulsystem aufgeben und sich zu Gesamtschulen bekennen solle. Wenn dieses Rezept richtig wäre, dann hätten beim deutschen Pisa-Vergleich die Länder mit den meisten Gesamtschulen, Nordrhein-Westfalen und Brandenburg, am besten abschneiden müssen. Es führen jedoch die Länder mit den wenigsten Gesamtschulen: Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen – NRW liegt knapp unter dem Bundesdurchschnitt und Brandenburg auf dem drittletzten Platz.

Es ist nicht einfach, skandinavische Erfolgsmodelle zu übertragen. Dort gibt es Ganztagsschulen, in denen Sozialarbeiter, Psychologen und Lehrer tätig sind. Es gibt genügend Personal, um lernschwache Schüler für Wochen aus dem Unterricht herauszunehmen und individuell zu fördern. In Deutschland sind die meisten Länder nicht einmal in der Lage, in Zeiten knapper Kassen einen Einstellungskorridor für junge Lehrer offen zu halten, obwohl uns bei den Pädagogen eine Versorgungskrise ohnegleichen bevorsteht.

Angesichts des Geburtenrückgangs dürfen die Jugendlichen nicht mehr in der Schule scheitern. Die richtige Antwort auf Pisa kann also nur eine Schulreform sein. Die aber kostet Geld! Ob es wirklich eine „Priorität für die Bildung” gibt, wird sich in den nächsten Jahren überprüfen lassen. An den Taten, nicht an Lippenbekenntnissen.

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