Meinung : Bildung: Lehrer auf die Schulbank

Sybille Volkholz

Nach den mangelnden Mathematikkenntnissen, die die TIMS-Studien bei deutschen Schülern feststellten, bescheinigt die Pisa-Studie den Kindern und Jugendlichen noch schlechtere Lesekompetenzen. Das ist alarmierend und ein Grund, die bildungspolitische Debatte von Grund auf neu zu führen. Der Rückgriff auf gewohnte Reflexe, wie z.B. jetzt die Zahl der Unterrichtsstunden zu erhöhen, mehr Geld, mehr Stellen zu fordern, wird zur Behebung der Misere nicht wirken. Pisa legt deutlich den Finger auf die Wunde, und die heißt: Qualität des Unterrichts. Die Schwäche des deutschen Unterrichts liegt in der traditionellen Vorstellung von Wissensvermittlung und in einer falschen Interpretation von Gleichheit. Sie hat zu einem Unterricht geführt, der alle Kinder in der gleichen Zeit das gleiche lernen lässt und damit an fast allen vorbeigeht.

Wir brauchen eine radikale Umorientierung der Pädagogik und Didaktik, die die Unterschiedlichkeit von Kindern und Jugendlichen akzeptiert und mit Vielfalt und Heterogenität umgehen lernt. Dies erfordert von Lehrkräften die Fähigkeit zur Diagnose des unterschiedlichen Förderbedarfs der Kinder, ein Bereich der in der Lehrerbildung völlig zu kurz kommt.

Die Lesekompetenz hängt entscheidend davon ab, ob die Kinder eigenes Interesse am Unterrichtsstoff entwickeln - auch dies ist eine der zentralen Aussagen der Pisa-Studie. Die Frage ist also, inwieweit es der Schule gelingt, Lernen und Leistung mit Freude und positiven Erwartungshalten zu verknüpfen. Dazu gehört auch, dass gerade die Kinder und Jugendlichen, die von ihrem familiären Hintergrund her wenig Unterstützung mitbringen und größere Schwierigkeiten im kognitiven Bereich haben, in der Schule Erfolgserlebnisse bekommen. Dazu bedarf es einer Vielfalt an Angeboten sportlicher, künstlerischer und handwerklicher Art. Fähigkeiten, die Kinder in die Schule mit-bringen, müssen dort mehr Raum zur Entfaltung bekommen.

Migrantenkinder haben im bundesdeutschen Schulsystem besonders schlechte Chancen. In Berlin verlassen 30Prozent von ihnen die Schule ohne Abschluss. Offensichtlich ist es mit den bisherigen Fördermaßnahmen nicht gelungen, bessere Wirkungen zu erzielen. Deutsch als Zweitsprache, zweisprachige Erziehung sind gute Versuche, aber sie werden zu wenig evaluiert und auf ihre Wirkungsweise gerpüft.

Gerade in sozial schwachen und Migrantenfamilien wird eine Verbesserung der schulischen Leistungen nur zu erreichen sein, wenn es gelingt, die Eltern in ihrer Erziehungsarbeit zu stützen. Die englischen Beispiele der "centers of early excellence" erreichen dies und setzen bereits in der frühen Kindheit an. Die Eltern werden integriert und erhalten Aufgaben: die Kinder zu unterstützen und natürlich auch mit ihnen zu lesen und selbst zu lesen. Für die Schule werden diese Konzepte fortgesetzt, indem in "Leuchtturmschulen" vielfältige Professionen - neben Lehrkräften, Sozialarbeiter, Künstler, Sportler, Handwerker - in die Schule geholt und die unterschiedlichen Fähigkeiten der Kinder gefördert werden. Mit einem Schriftsteller als Lehrer sich selbst als Schriftsteller zu erproben ist oft ein besseres Erfolgsrezept als eine Stunde mehr "Deutsch".

Wo Familien nicht zu gewinnen sind, müssen soziale Netzwerke geschaffen werden, ehrenamtliche Patenschaften und Mentoren für Benachteiligte und Migrantenkinder wären auch für Berlin eine richtige Antwort. Schulen in sozialen Brennpunkten (und nicht nur dort) sollten sich ehrenamtlich getragene Lesezirkel in und um die Schule suchen. Eine veränderte Didaktik der Vielfalt wird nicht sofort zu erreichen sein. Die positive Botschaft von PISA lautet, aber: Es geht!

In den angelsächsischen Ländern hat es vor 15 Jahren einen entschiedenen Schritt zur Schulreform vor allem im Bereich der Didaktik der Mathematik und der Naturwissenschaften gegeben. Diese beginnt dort zu wirken. Wir brauchen diesen Reformschritt, der den Schwerpunkt auf die Didaktik, die Qualität des Unterrichts legt. Neben der Veränderung der Lehrerausbildung wird es der Fortbildung der Lehrkräfte bedürfen. Wir brauchen aber auch - und das geht schneller - ein breiteres gesellschaftliches Engagement für die Schule, soziale Netzwerke, die die personale Unterstützung mit Lesepaten und Hausaufgabenhilfe liefern. Dazu bedarf es aber Schulen, die sich diesen neuen Ansätzen öffnen. Die Pisa-Erkenntnisse liefern hierzu vielleicht den Türöffner.

Die Autorin war Bildungssenatorin in Berlin. Heute koordiniert sie die Bildungskommission der Heinrich-Böll-Stiftung und ist Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft "Bildung" von Bündnis 90/Die Grünen.

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