Bildung nach Pisa : Klassenkampf in Berlins Lehrerzimmern

Zwischen Pisa und Lehrerstreik: In Berlin wird zu viel über Pädagogen und zu wenig über Schüler geredet. Viele Bürger wären froh über ein Gehalt von 4600 Euro, das junge Pädagogen bekommen. Trotzdem sind Berlins Schulen noch immer Schlusslicht in Deutschland.

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Vier Schüler malen zusammen den Schriftzug Pisa an eine Tafel.
Alle zusammen. Die meisten Schüler sagen, dass sie sich an ihrer Schule wohlfühlen.Foto: dpa

Na bitte, geht doch. Deutschlands Schüler haben sich bei Pisa hochgearbeitet bis in die Spitzengruppe. Nix mehr mit Bildungsnotstand. Was das über Berlins Schulen aussagt? Überhaupt nichts! Nur wenige hundert Berliner Schüler nahmen teil an der bundesweiten Erhebung – dass ausgerechnet sie dazu beitrugen, die deutsche Bildung auf überdurchschnittliches Niveau zu bringen, soll sich bitte niemand einbilden. Detaillierte Werte gibt es nicht. Man kann allerdings gut begründet annehmen, dass im Reigen der von Passau bis Kiel getesteten Schüler die Berliner Kinder den Schnitt eher nach unten gedrückt haben. Beim aussagekräftigeren Ländervergleichstest 2012 war die Hauptstadt jedenfalls Schlusslicht.

Der aktuelle Pisa-Bericht wäre deswegen eine gute Gelegenheit gewesen, über die Qualitäten von Berlins Schulwesens zu sprechen. Etwa, dass es trotz der Einstellung von 1500 Lehrern zum Schuljahrsbeginn und einer geringeren Zahl von langzeiterkrankten Lehrern gegenwärtig nicht mal eine hundertprozentige Personalausstattung gibt. Im Klartext heißt das Unterrichtsausfall, weil Krankheitsfälle im Lehrkollegium nicht ausgeglichen werden können. Doch über Pisa wurde nicht gesprochen, stattdessen über die erneut streikenden Lehrer. Zum 17. Mal sind Tausende von Unterrichtsstunden ausgefallen – Kinder und Eltern werden als Geiseln genommen für eigennützige Ziele.

Dabei wären viele Berliner über die 4600 Euro froh, die Jung-Pädagogen als Einstellungsgehalt bekommen. Und schrill mutet schon an, dass die Lehrergewerkschaft GEW so tut, als wolle der Senat diese Regelung kippen. Tatsächlich hat der Senat längst schriftlich den Bestand zugesichert für alle eingestellten Lehrer. Die GEW ist auch nicht ehrlich, wenn es um die Möglichkeiten des Senats geht: eine neue Eingruppierung der Lehrer kann Berlin nicht beschließen, das ist Sache der Tarifgemeinschaft der Länder. Darüber wollen die Bundesländer nun auch im Januar sprechen.

Doch egal, wie das ausgeht: Dieser Klassenkampf in Berlins Lehrerzimmern wird die Stadt noch sehr lange begleiten – eine Folge der vernünftigen Entscheidung, Pädagogen nicht mehr zu verbeamten. Das hat in der Tat Ungleichheiten und eine Besserstellung der Alteingesessenen im Kollegium zur Folge. Aber zur Verbeamtung führt kein Weg mehr zurück; diesen Konflikt muss der Senat durchhalten. Doch vergessen werden darf nicht, dass das hohe Einstiegsgehalt durch die Zuordnung nicht vorhandener Erfahrungsstufen ursprünglich ein kluger Schachzug war, um angesichts der offensiven Abwerbeversuche anderer Bundesländer die benötigten Junglehrer in Berlin zu behalten. Nur zeigt sich, dass dieser Besoldungstrick nicht dauerhaft funktionieren wird, weil es keinerlei Gehaltsentwicklung mehr gibt.

Aber haben die Lehrer nichts Besseres zu tun? Denn nicht die Pädagogen sind die Problemkinder – die sitzen immer noch vor ihrem Lehrertisch. Berlin hat nach dem Pisa-Schock viele Reformen umgesetzt – vor allem das zweigliedrige Schulsystem stellt sicher, dass jedes Kind einen Weg zum Abitur hat. Auch die Versorgung mit Sozialarbeitern und die Einrichtung von Horten in allen Grundschulen waren richtige Schritte. Es zahlt sich auch aus, dass der SPD/CDU- Senat den Bildungsbereich zu einem Kernthema gemacht hat und mehr Mittel für die Bildung bereitstellt, von der Hilfe für Brennpunktschulen bis hin zum Sanierungsprogramm. Trotz aller Anstrengungen, von massiver Sprachförderung bis zur Früheinschulung, ist Berlin aber kaum vorangekommen. Die Gefahr ist nicht gebannt, dass die Probleme schneller wachsen, als es Lösungen gibt.

Dazu tragen die wieder steigende Schülerzahl und ein demografischer Wandel bei: Beim ersten Pisa-Bericht 2000 kam jeder fünfte Grundschüler aus einer nicht-deutschen Familie, jetzt ist es schon jeder dritte. Das problemfamilienbelastete Berlin wird nie Bildungsspitzenreiter wie Bayern werden – es wäre aber viel gewonnen, wenn nicht mehr fast zehn Prozent der Jugendlichen die Schule ganz ohne Abschluss verlassen. Und bei der Klausur zur Berufsbildungsreife ist aktuell jeder vierte Neuntklässler in Mathematik gescheitert.

Für vorweihnachtliches Wohlgefühl gibt es in Berlin nach dem Pisa-Bericht deshalb keinerlei Anlass. Auch künftig muss in Berlin mehr Geld pro Kind ausgegeben werden als andernorts, um allen Schülern einen guten Start ins Berufsleben zu ermöglichen. Eine hohe Qualität des Bildungswesens kostet Geld. Und ohne engagierte Lehrer geht es nicht. Da treffen sich die Problemgruppen vor und hinterm Lehrertisch. Denn schon zu diesem Schuljahr konnten nicht alle freien Lehrerstellen besetzt werden, im kommenden Jahr werden sogar über 2000 neue Pädagogen gebraucht. Die benötigen nicht unbedingt mehr Geld. Für viele sind bessere Arbeitsbedingungen ebenso wichtig wie das befriedigende Gefühl, die Mittel zu haben, um leistungsstarke und erfolgreiche Schüler ins Leben zu entlassen.

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