Bildung : Schule: Eine Kraft, die stets das Gute will

Die Hamburger stimmen am Sonntag über eine Schulreform ab. In Berlin erinnert sich eine Mutter an 14 Jahre Schule und Reform.

Nadja Klinger

Ferien sind Ferien. Aber Schule ist das Leben auf der Insel. Fernab von allem, was sonst so läuft, umgeben von Tiefe, Strömung, Gischt. Ja, das wusste ich auch mal nicht. Aber das ist über 14 Jahre her.

Vor 14 Jahren bin ich auf die Insel geraten. Ich konnte mich nicht zurücklehnen und abwarten, denn bei mir war mein Kind, recht wohlgeraten, und das sollte auch so bleiben. Es waren noch andere da, die gewissenhaft ihre Sprösslinge im Auge behielten. Aber insgesamt waren wir nicht viele. Eine gesellschaftliche Minderheit, Eltern schulpflichtiger Kinder. Den Wortteil -pflichtig möchte ich an dieser Stelle hervorheben. Wir waren gezwungen, uns auf die Insel zu begeben. Ins gesellschaftliche Abseits. Denn Schule hat keine Lobby.

Was macht man auf der Insel? Man ringt um das Beste fürs eigene Kind. Das kostet Zeit, die man eigentlich nicht hat. Am Ende kostet es auch Geld. Denn auch auf der Insel ist das Leben kein Wunschkonzert, sondern ein Supermarkt. Es besteht die Möglichkeit, sich das, was man für das Beste hält, zu kaufen. Man braucht Geld, das man eigentlich nicht hat. Das Wort eigentlich möchte ich an dieser Stelle hervorheben. Auf diesem Wort basieren gesellschaftliche Schieflagen. Eigentlich sollten alle Kinder dieselben Chancen haben. Eigentlich könnte man. Eigentlich ist alles ganz anders.

Man kann sich auf der Insel auch verbünden. Gemeinsam für das Wohl aller stark machen. Alle Möglichkeiten und Gremien, die dafür nützlich sind, habe ich durch. Ich habe die Höhenmeter zwischen Stadtbezirks- und Landesebene absolviert. Ich bin ein Netzwerk, eine Argumentationskette, ein Informationsfluss, ein Tagesordnungspunkt. Eine wie mich nennt man – eigentlich – unermüdliches bürgerliches Engagement. Man nennt mich aber auch politikverdrossen. Ich bin die Leidenschaft, die sich mit der Apathie einlässt. Ich bin so unermüdlich wie frustriert.

Was ist während der Inseljahre geschehen? Das Kind hatte Lesen und Schreiben gelernt, da kam die Rechtschreibreform, und es musste noch mal Lesen und Schreiben lernen. Frontalunterricht wurde durch offene Lernformen ersetzt, aber nur von Fachlehrern, die das wollten. Englisch ab Klasse drei kam, aber nur für die, die Lust drauf hatten, was bedeutete, dass in Klasse sechs alle gemeinsam von vorn anfingen. Schulen wurden jahrelang renoviert, Lernende auf Bürohäuser und Fabriketagen verteilt. Lehrer verschwanden. Weil ihr ein geburtenschwacher Jahrgang seid, erklärte man den Kindern. Nach ein paar Jahren, in denen die neue Rechtschreibung immer noch bekämpft wurde, erreichte die Schule das Gerücht, die alte käme wieder zurück. Bis heute halten sich nicht alle Verlage, deren Bücher und Zeitungen Schüler lesen, an die Regeln, für deren Einhaltung sie mit den Ziffern 1 bis 6 reglementiert werden.

Kurz vor dem Wechsel zur Oberschule veränderten sich die Kriterien für Gymnasialempfehlungen. Damit angehende Gymnasiasten nicht wieder in bessere und schlechtere sortiert wurden, durften Zeugnisse bei der Bewerbung nicht abgegeben werden. Unter der Hand nahmen Schulleiter sie dennoch gern. Kurz darauf wurden Gymnasiasten ausgelost. Merkwürdigerweise nahmen Schulleiter immer noch Zeugniskopien an. Auch das Losen war nicht mehr das, was mein Kind gelernt hatte.

Kaum auf der Oberschule, wurde der Mittlere Schulabschluss eingeführt. Auf der Elternversammlung, an der die erstmals zu prüfenden Zehntklässler teilnahmen, sagten die Lehrer: Wir wissen auch nicht, wie’s geht. Gymnasien wurden aus Kostengründen zusammengelegt. Die Lehrer unterrichteten in zwei Schulen, die sich Kilometer voneinander entfernt befanden. Dadurch konnte das Kurssystem ab Klasse zwölf nicht mehr abgesichert werden. Als das zwölfjährige Abitur auf den Plan trat, war nun auch mein zweites Kind in der Grundschule. Dort gab’s so viele Kinder, dass die Lehrer, die einst beseitigt worden waren, an allen Ecken und Enden fehlten. Dennoch musste der Stundenplan der Neunjährigen bis in den Nachmittag hinein aufgestockt werden. Sie lernte jetzt schneller als ihre große Schwester. War schneller besser? Im Land wurde heftig diskutiert.

Die Ansprache der Gesellschaft an ihre Schüler lässt sich auf eine nüchterne Aussage reduzieren: Wir machen, und ihr müsst mit. Eigentlich ist das keine Aussage, sondern ein Warnsignal: Wo ihr lernt und unter welchen Umständen, wer ihr überhaupt seid, ist uns egal. Schließlich kam, was kommen musste: Pisa- und Iglu-Studien, Beben, die der Schul-Insel Tsunamis bescherten und die Gesellschaft auf die überfällige Einsicht brachten, dass sie sich nicht mit Voraussagen befasst hatte.

Ich erinnere mich an den Tag, als meine große Tochter aus der Oberschule kam und erzählte, der „Spiegel“ sei da gewesen und hätte die Klasse fotografiert. Es war der Tag, an dem ich merkte, dass sich all die klugen Argumente und brauchbaren Ideen, mit denen ich seit Jahren meist vergeblich versucht hatte, auf der Insel Gutes anzurichten, pulverisiert hatten. Ich war jetzt ein Sprengstofflager. Unbrauchbar für die basisdemokratischen Verfahren, mittels derer der Staat vorgab, etwas zu lösen, das er nun Bildungsproblem nannte. Ich sah es vor mir, das Titelbild, darauf mein unschuldiges Kind, anbei die Schlagzeile: Deutschlands doofe Gymnasiasten.

In der Zeitschrift erschienen dann zwei große, bunte Bilder. Auf einem waren Schüler, auf dem anderen die Schülerinnen. Der Text dazu handelte vom erfolgreichen Versuch, Jungen und Mädchen in Naturwissenschaften separat zu unterrichten. Meine Tochter, der Versuchsgegenstand, las und sagte: „Von erfolgreich habe ich noch nichts gemerkt.“

Diese Tochter ist durch. Trat vor einem Jahr mit dem Abitur in der Hand durchs Hauptportal ins Freie. Für die kleinere Tochter habe ich das gekauft, was ich für das Beste halte – eine private Gemeinschaftsschule, die alles anders macht. Das Geld dafür habe ich eigentlich nicht. Es könnte der Großen nutzen, die es sich nicht leisten kann, dem deutschen Bildungssystem endgültig Adieu zu sagen, und studieren wird.

Für mich ist das Leben auf der Insel nun angenehmer. Ich bin Teil einer Idee. Mein Kind entscheidet jeden Tag selbst, in welchem Fach es lernt. Es sitzt in Lernbüros, erarbeitet sich den Stoff, bestimmt darüber, ob und wann es den Lehrer braucht und wofür. Es bestimmt, wann es fertig ist und den Test schreibt. Es arbeitet in Projekten, in denen sich Aufgaben nur fächerübergreifend lösen lassen.

Wissen über Natur und Gesellschaft hat nicht die Aura von Ballast, sondern erfüllt den Zweck: ist Leben schlechthin. Mein Kind trifft sich mit seiner Tutorin, die überwacht das Lernen und beurteilt, ist Lehrerin, eine Art gute Bekannte, zuständig dafür, das ihr anvertraute Kind so gut wie möglich zu kennen, um ihm die besten Wege zu zeigen und es in allen schulischen Belangen wie eine Anwältin vertreten zu können. Einmal in der Woche arbeitet mein Kind als Familienhelferin im Wedding. Das Unterrichtsfach heißt: Verantwortung.

Die Idee, deren Teil ich bin, fühlt sich an vielen Tagen wie Gehirnwäsche an. Das Bild von Schule, wie ich sie kannte, wird aus meinem Kopf gespült. Dinge, die niemals anders waren, sind es plötzlich doch. Personen haben eine andere Bedeutung, Vorgänge eine andere Logik, Ergebnisse eine andere Substanz. Was im ewigen Eis konserviert war, rauscht mit dem Schmelzwasser durch meinen Kopf – und reißt auch das möglicherweise Erhaltenswerte mit. Sie ist nicht ausgereift, die Idee. Sie versucht aber auch nicht, sich den Anschein zu geben, als wäre sie es.

Er sei vollgepackt mit Wissen, habe als Bester an der Uni abgeschlossen, sagte einmal ein Lehrer zu uns Eltern, aber hier verfahre er nach dem Prinzip: „Worin habe ich mich heute wieder geirrt?“ Ich zweifle oft. Ich muss mich aufreißen, um dem Neuen Platz einzuräumen. Ich muss Geduld haben. Immer wieder um Vertrauen zu meinen eigenen Erkenntnissen ringen. Aber ich habe das Gefühl, wieder bei Vernunft zu sein und bei gesundem Menschenverstand. Es geht mit gut. Eigentlich.

Das Gefühl, anders zu sein, kann guttun, weil es aufregend individuell macht. Aber denjenigen, der in der Masse geborgen sein will, macht es unglücklich. Wissen Sie, wie das ist, immer wieder erklären zu müssen, was man tut? Wissen Sie auch, dass Erklärungen kaum gefragt sind? Dass Das-geht-nicht und Das-haben-wir-schon-immer-so-gemacht die allgemein eingeschlagene Denkrichtung vorgeben? Dass die deutsche Ratlosigkeit in Sachen Schule gepaart mit Desinteresse als deutsche Voreingenommenheit in Erscheinung tritt? Wer etwas Neues tut, hat sich zu rechtfertigen. Neu ist verdächtig. Ahnen Sie, wer aus diesem unsäglichen Gesellschaftsspiel – bessere Schule hin oder her – als Erstes aussteigt?

Bin ich auf dem richtigen Weg, fragt meine Tochter, wo ich doch nicht den Weg wie die meisten gehe? Am Schuljahresende findet sie im Lernbericht viele Worte zu ihren fachlichen und sozialen Kompetenzen, zu Lernmethodik, ihren Vorzügen und Errungenschaften, ihren Schwächen und Möglichkeiten. Aber sie will die Ziffern 1 bis 6 ernten. Sie will einen Stundenplan, den Da-haben-wir-doch-alle-gesessen-Platz in der engen Reihe eines überfüllten Klassenraums. Sie ist ein Kind dieses Landes. Sie bangt: Bleibe ich allein?

Vor ein paar Jahren hat die Humboldt-Universität eine Studie erstellt. Deutschland wurde nach seiner Meinung zum Thema Gerechtigkeit befragt. Auf die Frage, was ungerecht ist in der Bundesrepublik, gab es die einhellige Antwort: fast alles. Werteverteilung, Chancen, Lohn, das Dasein von Mann und Frau. Nur eins nicht: Bildung. Die Forscher fragten weiter. Warum genügt den Bürgern eine Schule, die in internationalen Vergleichen durch ungerechte Chancenverteilung und folglich stark differenzierte Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen auffällt und den Schülern im Durchschnitt kaum Qualitäten bescheinigt? Die Antwort gaben die Deutschen offen: Weil Neues mehr Angst macht als Ungerechtigkeit unzufrieden. Weil Reformen verändern.

Jährlich vor den Sommerferien wird in Berlin heftig über Schule diskutiert. Irgendwer richtet sein Fernrohr auf die Insel und entdeckt. Dieses Mal: die nicht funktionierende Idee Schuleingangsstufe, die miese Sprachkompetenz der Neuntklässler. Es gab Vorsommerferiendebatten, in die ich große Hoffnungen setzte. Manche wurden in der Nachsommerferienzeit hartnäckig weitergeführt und führten schließlich zu neuen Schulformen. Zu Mut. Zu Versuchen. Beunruhigend an allen Debatten ist, dass in ihnen schon steckt, was Versuche zum Scheitern bringt. Das erkennt man an den Worten, die benutzt werden. Das Wort Barrikade zum Beispiel bedeutet Krieg, nicht Verständigung. „Schluss mit ...!“ eröffnet kein Gespräch, sondern ist eine schlichte Forderung. „Zurück zu ...!“ heißt: keine Veränderung.

Wer auf einer fremden Insel unterwegs ist, für den kann Umkehren überlebenswichtig sein: wenn das Wetter umschlägt oder er den Weg, der auf der Karte eingezeichnet ist, nicht sehen kann. In der diesjährigen Schuldebatte hat jemand gesagt, der Schulsenator sei mehr der Wissenschaft erlegen als der Realität. Ja, die Schulreformversuche haben von allem etwas: schlechte Vorbereitung, schlechtes Zeitmanagement, schlechte Bedingungen. Die Wissenschaft ist das Papier, der Weg auf der Karte. Der Senator muss innehalten und überlegen, wenn er diesen Weg auf der Insel nicht vorfindet. Aber niemals, niemals gehe ich mit ihm zurück zu ...! Niemals gehe ich zurück in die Schul-Realität.

Auf der Insel schlägt das Wetter nicht um. Das Wetter machen wir. Mit unserer Veranlagung, ungeduldig zu sein. Auf Basis unserer schlechten Erfahrungen, die dazu geführt haben, dass wir Verantwortlichen misstrauen. Mit unserer Weigerung, uns Neues vorzustellen, wenn wir die Geduld verlieren. In einer anderen Debatte in diesem Sommer ging es um die Nationalmannschaft des DFB. Sie absolvierte mit neuem Spiel, anderer Substanz und anderer Logik ein Turnier. Wir fragten uns, wie weit sie mit so was Neuem kommt. Und dumm, wie wir sind, meinten wir, dass sich bei einem frühen Ausscheiden die Reform erledigt hat.

Gute Schule ist Programm und Kultur. Zur Kultur gibt’s abermals nur das zu sagen: Schule ist eine Insel und hat keine Lobby. Über die Fußballnationalmannschaft schrieb ein kluger Mann: „Die entscheidende Frage ist nicht, ob Lahm und Özil bereit sind, wenn es gilt. Sondern ob wir es sind.“

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