Meinung : Bildung: Werte sind recht - auch für Berlin

Martin Gehlen

Wieder ist eine Kluft zwischen Ost und West schmaler geworden. Brandenburg ist noch nicht Baden-Württemberg. Aber Brandenburg und der Südwesten sind sich näher gekommen - dank der behutsamen Regie des Verfassungsgerichts.

Karlsruhe hat bei Berlins Nachbarn den Religionsunterricht aus der Nischenexistenz nun faktisch zu einem ordentlichen Lehrfach aufgewertet. Damit besteht erstmals die Aussicht, den zehn Jahre alten Streit um LER beizulegen. Das Schulfach wurde einst in Potsdam unter dem Eindruck des religiösen Kälteschocks nach der Wende ersonnen. Doch haben sich mittlerweile die Welt-Koordinaten deutlich verschoben. Die Terroranschläge in den USA, die Kriege in Afghanistan und Kosovo, aber auch die fundamentale Debatte um die Zukunft der Gentechnik zeigen, wie brüchig und angreifbar Zivilisation ist. Sie ist keine Selbstverständlichkeit. Jede Generation muss sich den sie tragenden Werteboden neu aneignen. Er gehört nicht zur menschlichen Grundausstattung, er steckt nicht in den Genen, fällt uns nicht zu wie Hautfarbe oder Körpergröße.

Insofern kann es keiner Gesellschaft gleichgültig sein, ob sich die Voraussetzungen für zivilisiertes Zusammenleben immer wieder neu bilden oder nicht. Zwar bestimmen zunehmend andere, religiöse wie nicht-religiöse, Orientierungsmuster das Leben. Aber unbestreitbar basiert unser weltanschaulich neutraler Staat in seinem Kern auf Werten und Orientierungen, die in den christlichen Traditionen wurzeln. Hier ist der Platz von Religionsunterricht - in Baden-Württemberg, in Berlin wie in Brandenburg.

Menschliche Identität formt sich nicht durch einen geistig-moralischen Einkaufsbummel, bei dem man die diversen Angebote besichtigt, begutachtet, ihre Preise vergleicht, um sich dann irgendwann etwas herauszusuchen. Werteerziehung ist mehr, als "bekenntnisfrei, religiös und weltanschaulich neutral" zu sein, wie es die LER-Richtlinien vorschreiben. Werteerziehung braucht innere Vorleistung, die Angebote macht, sich exponiert und etwas riskiert. Man kann sich nicht heraushalten. Das wissen Eltern, die Kinder erziehen. Das gilt genauso gut für die Schule - im Ethik-Unterricht und vor allem im Unterricht über Glauben und Religion.

Natürlich ist Religionsunterricht auch Wissenskunde. Die Lehrpläne verzeichnen in den letzten zwanzig Jahren eine Akzentverschiebung weg von der traditionellen Glaubensunterweisung hin zu stärker religionswissenschaftlichen Anteilen. Doch junge Menschen können Religion nicht begegnen, wenn sie diese nur in einer religionskundlichen und bekenntnisneutralen Außenperspektive vermittelt bekommen. Schüler haben ein Recht auf Vorbilder, Orientierung und Bekenntnisse - Vorbilder, die sie auch zurückweisen können, Orientierung, die sie verweigern mögen und Bekenntnisse, die sie ablehnen dürfen. Denn zur religiösen Erziehung gehört immer auch die Freiheit, das Gelernte und Erlebte eines Tages in Frage zu stellen oder sich gar total abzuwenden. Was Schüler aber brauchen, ist ein authentisches Gegen-Über, eine Werte-Kontur, an der oder gegen die sie sich ethisch bilden können.

Die Karlsruher Verfassungsrichter haben jetzt mit ihrem Kompromissangebot für Brandenburg eine Brücke gebaut. Sie ist klug konstruiert und tragfähig auch für den möglichen Fusionspartner Berlin. Denn hier liegt der Status des Religionsunterrichts seit gestern deutlich unter der neuen höchstrichterlichen Messlatte. In den rot-roten Koalitionsverhandlungen ist Religion offenbar kein Thema. Aber noch wird ja verhandelt.

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