Meinung : Bildungsdumping

Am 1. Mai fordern alle „gute Arbeit“ – schlecht Qualifizierte haben aber keine Chance

Alfons Frese

Einmal unten, immer unten. Wer für seine Arbeitskraft schlecht bezahlt wird, ist überhaupt arm dran. Der Chef mobbt, die gesundheitlichen Belastungen sind hoch und Aufstiegschancen gibt es auch nicht. Ob das die jungen Leute wissen, die ohne Abschluss von der Schule gehen? Mehr als 60 Prozent der Hilfsarbeiter in Deutschland bewerten ihre Tätigkeit als schlechte Arbeit; gute Arbeit – gekennzeichnet durch Wertschätzung, Einkommen, Verantwortung, Aufstieg – kennen die gar nicht. Und was werden wohl die Jugendlichen für ein Leben führen, die als nicht ausbildungsfähig eingestuft werden? Nach Schätzungen der Wirtschaft gilt das für mehr als zehn Prozent eines Jahrgangs. Anders gesagt: Mehr als zehn Prozent unserer Zukunft sind nicht zukunftsfähig.

Gute Arbeit muss drin sein, da haben die Gewerkschaften wohl recht mit ihrem 1.-Mai-Motto. Auch weil die Arbeitnehmer schwere Jahre hinter sich haben: Seit der Turbokapitalismus in den 90ern Fahrt aufnahm, verkümmerte der Arbeitnehmer zu einem Kostenfaktor, dessen Preis sich am Weltmarkt orientieren musste. Und wenn nicht: Weg mit dem Arbeitsplatz nach Osteuropa oder Asien. Dieser schlichte Mechanismus hat sich überlebt. Die deutsche Industrie erlebt heute einen unglaublichen Erfolg: Trotz hoher Preise und eines teuren Euros ist Made in Germany gefragt wie nie. Qualität setzt sich durch, und nicht Dumping. Geiz ist geil öffnet nur eine Spirale nach unten.

Der Lebensstandard in Deutschland verdankt sich Innovationen. Und innovativ sind gut ausgebildete Menschen; nicht zuletzt junge, neugierige, kreative Leute gestalten mit ihren Ideen die Zukunft. Dumm nur, dass hierzulande mehr als die Hälfte der unter 25-Jährigen im Niedriglohnsektor arbeitet. Ärgerlich, dass mehr als 100 000 Ausbildungsplätze fehlen. Schade, dass unser Schulsystem als Klassensystem funktioniert: Arbeiterkinder erreichen bei gleichen Fähigkeiten seltener das Abitur oder gar einen Hochschulabschluss als Akademikerkinder.

Es ist erstaunlich, wie nachlässig diese reiche Gesellschaft mit ihrer wichtigsten Ressource umgeht: den Menschen. Belege dafür gibt es reichlich. Mehr als zwei Drittel der Migranten aus der Türkei haben keine Berufsabschluss, im OECD-Vergleich sind die Bildungsausgaben bescheiden, die Studienanfängerquote ist schlecht …

Bildung ist das Megathema, das sagen Politiker, Unternehmer und Gewerkschafter nicht nur am 1. Mai. Und bleiben mit ihren Taten doch weit hinter den Worten zurück. Vielleicht beschleunigt der Engpass in der Wirtschaft – derzeit fehlen allein in der Industrie rund 150 000 Fachkräfte – die Aufarbeitung der Misere. Die Gewerkschaften fordern gute Arbeit und meinen doch vor allem ihre Mitglieder, die Stammbelegschaften in den Betrieben. Ein Großteil der jungen Leute verdingt sich derweil als Leiharbeiter. Im Herbst plant die Bundesregierung einen Qualifizierungsgipfel. Wäre doch zu schön, wenn die Bildungspolitiker mal durch gute Arbeit auffielen.

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