Bildungspolitik : Banausenrepublik

In den Schulen werden die Fächer Kunst, Musik und Darstellenden Spiel immer weiter zurückgedrängt. Das wird zu einer Spaltung der Gesellschaft führen

von
Foto: Kai-Uwe Heinrich
Foto: Kai-Uwe HeinrichFoto: kai-uwe heinrich

Deutschland soll, nach einer von Bundeskanzlerin Merkel mit Applaus aufgenommenen Vorstellung, Bildungsrepublik werden. Dabei ist es auf dem Weg zu einer anderen Art von Gemeinwesen, nämlich zur (Kultur-) Banausenrepublik.

Wenn im politischen Raum von Bildung gesprochen wird, ist generell Ausbildung gemeint. Dabei steht Pate der Gedanke, dass damit ein Ausgleich von Benachteiligungen stattfinden kann. Damit sollen die Chancen von Kindern aus sogenannten bildungsfernen Schichten bessere Chancen bekommen und Vorteile ausgeglichen werden, die andere dank Herkunft, Elternhaus oder besserem finanziellen Hintergrund haben. Ein Mittel, dies zu erreichen, ist der Besuch weiterführender Schulen und die Teilhabe an dem, was man das kulturelle Angebot nennt.

In den Schulen aber werden die für das kulturelle Verständnis und damit die für die Weckung des Interesses wichtigen Fächer immer mehr zurückgedrängt. Im Gymnasium ist streckenweise aus der Fächergruppe Musik, Kunst und Darstellendes Spiel nur noch ein Fach mit zwei Stunden in der Woche auszuwählen. Es ist nun einmal altbekannte Schülermentalität, das Fach zu wählen, das den geringsten Aufwand bedeutet. An den Beruflichen Schulen gibt es noch nicht einmal ein Pflichtfach aus diesem Kanon. Gar nicht so selten unterrichten Kräfte ohne die für diese Fächer erforderliche Lehrbefähigung. Oftmals fehlt es an ausleihbaren Büchern, weil keine Bibliothek vorhanden ist. Die Folgen sind vielfältig und weitreichend.

Wie sollen so „gebildete“ Jugendliche für Oper, Konzert und Schauspiel interessiert werden? Wie will man erreichen, dass später – als Steuerzahler und Wähler – bei so wenig auf die Wichtigkeit von Kultur eingestimmten Bürgern Zustimmung für Subventionen – besser wäre zu sagen: Investitionen – in die entsprechenden Bereiche zustande kommt, wenn die Finanzierung eines Theaterbetriebs mit der Sanierung eines Straßenabschnitts in Konkurrenz steht?

Dabei bleibt primäre Aufgabe jener kulturrelevanten Fächer, den Schülern eine Ausstattung an Wissen und damit ein Rüstzeug für die Gestaltung ihres eigenen Lebens zu vermitteln. Die Vernachlässigung solcher Disziplinen wird zu einer Spaltung der Gesellschaft führen. Wenn davon gesprochen wird, dass Bildung dazu dienen soll, durch Milieu gegebene Unterschiede zu beseitigen, wird in Wirklichkeit das Gegenteil eintreten. In den betroffenen Kreisen wird das durch die Schule nicht behobene Defizit größtenteils nicht erkannt werden oder man wird nicht in der Lage sein, es privat auszugleichen.

Das sogenannte Bildungsbürgertum, das sicher in seiner Zusammensetzung heute anders aussieht als vor 50 Jahren, wird alles tun, seinen Sprösslingen das zu vermitteln, was man über Kunst und Musik wissen sollte. Das beginnt mit dem Klavierunterricht und führt über Besuche – gegebenenfalls über den Umweg von Rockkonzerten und Musicals – auch zu Theater- und Opernaufführungen. Gleichgültig, ob und bei wie vielen das fruchtet, die Bevorzugten haben eine Chance. Die Schule ist dank der Lehrpläne gehindert, sie anderen zu ermöglichen.

Wenn in der Kultusministerkonferenz über Standards in Fächern gesprochen wird, sollte vorrangig geklärt werden, welche in die Lehrpläne gehören und in welchem Umfang sie Pflicht sind. Der Trend zur Ganztagsschule führt oft nur dazu, dass die Schule am Nachmittag zur Bewahranstalt degradiert wird, die berufstätigen Eltern die Aufsicht über ihren Nachwuchs abnimmt. Und auch für die Lösung des personellen Problems gibt es Ansätze: Musikschulen und Museen könnten schon aus eigenem Interesse bereit sein, die Lücken zu schließen.

Der Autor war Präsident

der Universität Hohenheim und

Wissenschaftssenator in Berlin.

Autor

7 Kommentare

Neuester Kommentar