Bildungspolitik : Schwache Leistung

Mehr Kinder aus Hartz-IV-Familien aufs Gymnasium? Eine Quote wäre der falsche Weg. Es braucht vor allem strukturelle Veränderungen, um Chancengleichheit zu schaffen. Dafür müsste der Berliner Senat viel Geld locker machen und ein parteiübergreifender Konsens gefunden werden.

Ulrich Zawatka-Gerlach

In der Schulpolitik ist Rot-Rot wirklich emsig. Jede Woche wird in Berlin eine neue Baustelle aufgemacht, Grundsteine für diverse Reformen werden gelegt, aber das Gebäude gewinnt kaum an Höhe. Es fehlen die Konturen und über allem schwebt der Pleitegeier. Jetzt also der neueste Vorschlag: Die Linke will eine Quotenregelung, um Kinder aus sozial schwachen Familien auch auf beliebte, leistungsstarke Gymnasien zu bringen.

Das ist gut gemeint, aber schlecht gemacht. Tatsächlich ist es ein Kernproblem deutscher Bildungspolitik, dass Bildungschancen weitgehend von der Herkunft der Schüler und Studierenden abhängen. Wer das Glück hat, in einem bildungsbürgerlichen Elternhaus groß zu werden, hat das Abitur fast schon in der Tasche. Viele Kinder von Migranten oder Hartz-IV-Empfängern sind bereits froh über einen passablen Hauptschulabschluss. Diese himmelschreiende Ungerechtigkeit lässt sich aber nicht so nebenbei, „par ordre de mufti“, beseitigen. Kinder, denen sechs Schuljahre lang die notwendige Förderung zu Hause und im Klassenraum fehlte, werden am Gymnasium in der Regel untergehen. Mal abgesehen von ein paar hoch intelligenten Überfliegern und willensstarken Durchbeißern.

Denn wer soll diesen Schülern, denen plötzlich die staatliche Gnade sozialer Durchlässigkeit gewährt wird, ab der siebten Klasse den Weg zur Hochschulreife ebnen? Nachdem sie vorher nicht einmal die Möglichkeit hatten, gut lesen, schreiben und rechnen zu lernen? Oder geht die Goodwill-Idee der Linken etwa mit einer Aufstockung der überforderten, überalterten Lehrerschaft durch junge Kräfte einher? Mit kleineren Klassen und mehr Teilungsunterricht – oder wenigstens mit einem warmen Mittagessen auch für jene Berliner Schüler, die wegen der Verkürzung der Schulzeit auf zwölf Jahre bis spätnachmittags Unterricht haben? Zwischendurch maximal 20 Minuten Pause. Und wer macht dann mit den Kindern aus einkommens- (und oft leider auch bildungsschwachen) Elternhäusern eigentlich die Schularbeiten und bereitet sie auf Tests und Klassenarbeiten vor?

Für all dies fehlt in Berlin voraussichtlich noch über Jahre die materielle und personelle Basis. Auch wenn die Richtung hin zu einem zweigliedrigen Schulsystem stimmt, unterfüttert durch eine flächendeckende frühkindliche Erziehung. Aber nicht nur an den Schulen, selbst bei den Kitas reichen die zeitliche Dauer und die Qualität der Betreuung bei weitem nicht aus, um gerade die sozial benachteiligten Kinder nach vorne zu bringen. Vor allem die Abschaffung der Vorschule vor einigen Jahren rächt sich jetzt bitter.

Machen wir uns nichts vor: Eine gute Schulpolitik aus einem Guss kostet zusätzlich dreistellige Millionenbeträge und benötigt mehr bildungspolitische Kompetenz, als SPD und Linken gerade innewohnt. Solange immer neue Reformvorschläge kommen, nicht selten als Querschüsse aus dem Hinterhalt, werden die Eltern schulpflichtiger Kinder permanent verunsichert – statt ihnen eine verlässliche Perspektive zu bieten. Eine wahrhaft soziale Schulpolitik braucht aber Klarheit und langen Atem.

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