Bildungspolitik : Zöllner-Abschied: Berliner Lektion

Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner geht – die Stadt, die ihn nicht zu schätzen wusste, wird ihn vermissen. Jetzt hängt die Messlatte hoch.

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Nun also schon wieder. „Der Nächste, bitte“, schallt der Ruf aus dem Berliner Bildungsressort. Der amtierende Senator Zöllner hat sich abgemeldet. Man liest, dass er nach den Wahlen etwas anderes machen möchte. Man weiß, dass er privat gern mehr Zeit hätte. Aber das ist nur die halbe Wahrheit.

Die ganze Wahrheit fügt er selbst hinzu. In einem „Zeit“-Interview sagt er, was ihn wirklich stört: Die Larmoyanz der Berliner Lehrer, die Ruppigkeit in der politischen Diskussion und die „anekdotische Evidenz“ mancher Berichterstattung, die sich über einzelne Schulbeschwerden viel lieber ausbreitete als über die gelungene Strukturreform. Recht hat er.

Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten: Diese Weisheit aus der besseren Verkäuflichkeit schlechter Nachrichten trifft auf Berlin besonders zu – weil hier die Zeitungsdichte größer ist. Auch das mit der Larmoyanz ist nicht ganz falsch. „Meckern ist eine Form der Entlastung und gehört zur Mentalität der Berliner“, erklärt eine Moabiter Rektorin den Hang zur Dramatisierung. Es gebe da „so eine Kultur, dass sich alle gegenseitig bestätigen, wie schlecht es ihnen geht“. Und da man nicht selbst schuld sein will für seine Misere, bieten sich „die da oben“ als Sündenböcke an – Fleisch geworden im Bildungssenator.

Bliebe da noch die Ruppigkeit. Da erinnere man sich an den Einstieg des Finanzsenators. Ulrich Nußbaum war kaum in der Stadt, da versuchte er, sich durch ebenso rüde wie kenntnisarme Bemerkungen auf Kosten Zöllners zu profilieren. Er dachte wohl, so müsse man sein in Berlin, um zu gefallen.

Zöllner hat sich daran kein Beispiel genommen. Er ist verbindlich geblieben und hat mit den Betroffenen gesprochen. Er hat sich Rat geholt und (meist) die richtigen Fachleute befragt. Er hat ein Beschwerdemanagement installiert und versucht, die Verwundungen zu heilen, die durch den vorangegangenen Reformmarathon passiert waren. Dazu gehörte, dass er den Grundschulen beim umstrittenen Jahrgangsübergreifenden Lernen mehrmals Aufschub gab. Dazu gehörte, dass er den Hochbegabtengymnasien gestattete, ihre Schüler nicht mehr in elf Jahren durch die Schulzeit zu peitschen. Dazu gehörte, dass er einen satten Gehaltssprung für Berlins Junglehrer durchsetzte, um ihre Benachteiligung gegenüber verbeamteten Kollegen wenigstens finanziell annähernd auszugleichen. Dabei war die Sache mit der Nichtverbeamtung gar nicht seine Idee. Ebenso wenig hatte er das Jahrgangsübergreifende Lernen oder die Verkürzung des Abiturs veranlasst. Er hatte das alles nur von seinem Vorgänger zu übernehmen.

Trotz des schweren Gepäcks hat Zöllner die Abschaffung der Hauptschulen und die Strukturreform gegen Widerstände in den eigenen Koalitionsreihen durchgesetzt. Mit dem Gewicht seiner langjährigen Ministererfahrung hat er sich vor keinem Problem versteckt, sondern in seinem Qualitätspaket nochmals fast alles angepackt, was es anzupacken gab – und was finanzierbar ist. „Er ist von einer Baustelle zur nächsten gehetzt“, sagt einer, der hier an seiner Seite war.

Jetzt hängt die Messlatte hoch. Selbst wenn Zöllners Nachfolger nur den Bereich Schule machen muss und die Wissenschaft jemand anderem überlassen kann, ist höchst unwahrscheinlich, dass er oder sie es besser hinkriegt.

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