Meinung : „Bin ich eigentlich noch ganz dicht?“

Bernd Matthies

Der Buchtitel führt in die Irre. „Ich bin dann mal weg“ steht drauf – aber der 42-jährige Entertainer und Autor Hape Kerkeling ist ganz und gar da. Die Beschreibung seines Pilgermarschs auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela ist über den Sommer auf dem ersten Platz der Sachbuch-Bestsellerlisten angekommen, dort, wo sonst Biolek und Mälzer, Schätzing und Hahne konkurrieren. Kerkeling, das wusste man, kann im Moment kaum etwas falsch machen, er adelt mit seinem heimtückischen Charme selbst unterirdische TVShows, niemand kann besser Leute verulken als er oder lustiger auf Finnisch mit spanischem Akzent totalen Blödsinn reden. Aber nun auch noch Bestseller schreiben?

Es könnte sein, dass viele Käufer das Buch missverstehen als Humorkracher, irgendetwas in der Richtung von Kerkelings Fernsehspäßen. Doch dieser Reisebericht ist durchaus ernst gemeint und geschrieben, mit viel Sinn für spirituelle Einflüsterungen und meditative Stimmung. Von der bekennenden Sofakartoffel zum Wanderer über 600 anstrengende Kilometer – diese Wandlung schildert er ebenso überzeugend wie anschaulich. „Bin ich eigentlich noch ganz dicht?“, fragt er sich vor dem Start auf dem Weg nach Bordeaux – aber das ist er ohne jeden Zweifel.

Und seine Anhänger folgen ihm willig. Bei Amazon haben sich schon 72 positive, zum Teil sehr lange Leserrezensionen gesammelt, die zeigen, dass hier einer vom Klamotten- und Krawallkomiker über den Allzweck-Entertainer allmählich in eine Rolle wächst, die man fast loriothaft nennen möchte: Einige seiner Schöpfungen, Hannilein, die falsche Königin Beatrix im Anmarsch auf Schloss Bellevue oder der schleimige Volkskorrespondent Horst Schlämmer, der das zu Recht vergessene Grevenbroich zurück auf die Landkarte gebracht hat – sie sind längst ebenso Teil der deutschen Humor-Ikonografie wie Loriots Herren Klöbner und Müller-Lüdenscheid in der Badewanne. Immer taucht Kerkeling auf, wo man ihn nicht erwartet, immer beherrscht er den Dreh, rechtzeitig auszusteigen und so eine Karriere hinzulegen, die wie eine unendliche Folge gelungener Comebacks erscheint.

Die unerwartete Nähe zu Gott, die in seinem Pilgerbericht durchscheint, hat ihn offenbar selbst überrascht. Sie wird ihn nicht hindern, demnächst weitere Passanten durch den Kakao zu ziehen und flache RTL-Shows zu moderieren. Und danach ist er sicher auch mal wieder weg.

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