Meinung : Bin Laden ist das Klima egal

Malte Lehming

Ist die Solidarität eine Einbahnstraße? Nimmt Amerika nur, oder gibt es auch? Gestern begann, in der marokkanischen Stadt Marrakesch, die siebte Weltklimakonferenz. Sie soll den Weg zur Ratifizierung des Kyoto-Protokolls ebnen. Die USA, namentlich Präsident George Bush, hatten im März den vor vier Jahren geschlossenen Vertrag brüsk aufgekündigt. Das wurde als Zeichen eines neuen Unilateralismus gewertet, der besonders die europäischen Partner verstörte. Weitere Indizien nährten den Verdacht. Ob Strafgerichtshof, Chemie- und Biowaffen-Vertrag, ob Raketenabwehr oder Vereinte Nationen: Die Bush-Regierung schien sich keinen Deut um internationale Abkommen zu scheren. Bietet Marrakesch nun eine Gelegenheit, das Bild zu korrigieren? Würde ein Einlenken in der Klima-Frage nicht nachhaltig zeigen, wie weise, verantwortungsbewusst und vorausschauend Washington geworden ist?

Die Frage ist anmaßend, aber lehrreich. Natürlich hat der 11. September den Reifungsprozess der US-Administration beschleunigt. Sie war jedoch schon vor den Attentaten zu der Einsicht gelangt, dass die letzte verbliebene Supermacht mehr in der Welt erreicht, wenn sie ihren nationalstaatlichen Egoismus nicht allzu aufreizend vor sich her trägt. Denn der Mächtige, der ehrlich ist, schadet bloß sich selbst. Bescheiden muss er sein und moralisch argumentieren, sonst verwandelt sich der Neid der kleineren Partner in offene Ablehnung. Diese Erkenntnis hatte sich in den USA bereits am 10. September durchgesetzt.

Jetzt indes, als Folge des Terrors, beim Kyoto-Protokoll einzulenken, würde aus amerikanischer Sicht ein ganz anderes Signal aussenden: Osama bin Laden hat uns gelehrt, wie wenig stichhaltig unsere Einwände gegen das Klima-Abkommen waren. Er hat mit den Attacken unser Umweltgewissen geweckt und uns Demut beigebracht. Muss man begründen, warum der Bush-Regierung nichts daran liegt, einen solchen Eindruck zu provozieren?

Aus europäischer Perspektive kommt freilich die Dankbarkeit als Faktor hinzu. Die meisten europäischen Regierungen, darunter auch die deutsche, haben Amerika ihre "bedingungslose Unterstützung" im Kampf gegen den Terror zugesagt. Wäre da nicht langsam ein kleines Gegengeschenk fällig? Nach dem Motto: Wie wir dir, so du uns? Die Frage ist lehrreich, weil sie etwas über das Verständnis aussagt, das viele Europäer von den Anschlägen haben. Offenbar werden sie doch nicht so intensiv als Anschläge gegen die gesamte freie Welt begriffen, wie in spontanen Reden nach dem 11. September bekundet. Offenbar empfindet Europa seine Solidarität eher als Akt der Gnade und des Gebens denn als selbstverständlichen Ausdruck einer Politik, die das ureigene Interesse widerspiegelt, den global operierenden Terroristen das Handwerk zu legen. Offenbar erwartet Europa für seine verbale Unterstützung größere Anerkennung als es den USA für deren Bereitschaft zu zollen bereit ist, die Last der militärischen Auseinandersetzung fast ganz alleine zu tragen.

Nein, in Marrakesch wird die US-Regierung sicher nicht ihre Haltung zum Klimaschutz revidieren. Das zu bedauern, ist legitim. Dagegen wäre es ebenso töricht wie verräterisch, eine ökologische Kehrtwendung der Amerikaner ausgerechnet vor dem Hintergrund des 11. September zu erwarten. Osama bin Laden ist das Klima egal. Für die globale Erderwärmung interessiert er sich nicht. Europa muss sich vor der Versuchung hüten, die Anschläge zu instrumentalisieren. Die Solidarität ist tatsächlich eine Einbahnstraße - und der Kampf gegen den Terror kompliziert genug. Er sollte nicht durch Gegenverkehr zusätzlich belastet werden.

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