Meinung : Bin Laden-Video: Verbleichender Mythos

Stephan-Andreas Casdorff

Der amerikanische Verteidigungsminister, der sich längst in der ersten Reihe der Bush-Administration befindet, hat den Ton vorgegeben. Nach dem neuen - oder doch schon älteren? - Video bin Ladens meinte Donald Rumsfeld, er wolle sich gar nicht so sehr mit dem aufhalten, was der Terrorist gesagt habe. Das war das erste, sicher ganz bewusst gesetzte Signal verschwindenden Interesses an dieser Figur. Das zweite ist auch schon da, und es ist noch eindrucksvoller: Die Vereinigten Staaten, Kriegsherr in Afhganistan, legen nicht mehr den allergrößten Wert darauf, bin Laden zu fassen. Auch das stammt von dem profunden Kenner der amerikanischen Strategie für den Anti-Terror-Kampf.

Nichts mehr mit "Dead or Alive", tot oder lebendig, wie es auf den alten Western-Plakaten immer stand, und wie es der Texaner George W. Bush in einer Reaktion nach dem Anschlag so markig sagte. Warum nicht? Die Antwort gibt einmal der Verlauf der militärischen Intervention, zweitens der mutmaßliche Verlauf der Ereignisse nach einer Gefangennahme bin Ladens. Zum ersten Punkt: Der Krieg ist gewonnen, die Taliban sind vertrieben, die Herren des Schreckens von den Herren der Nordallianz abgelöst, deren neu gebildete Regierung jetzt eine kleine Hoffnung auf den allmählichen Weg zur Demokratie bietet. Dieses Ziel ist also erreicht, ohne dass bin Laden zuvor gefasst werden musste, um auf Dauer jeden Widerstand im Land zu brechen.

Zum zweiten Punkt: Der Anti-Terror-Kampf steht erst am Anfang. Viele Länder sind noch Fluchtburgen der Terroristen, Rückzugsort für so genannte Schläfer. Somalia, Jemen, Irak - die Liste lässt sich leicht verlängern. Dazu kommen die Länder, in denen militante Moslems auf die Straßen gehen - und das ist nicht nur Pakistan. Was geschieht, wenn ihnen allen bin Laden in Ketten vorgeführt wird, nach allen Videos, in denen er sie beeinflusste? Er, der selbst ernannte Märtyrer? Was, wenn bin Laden diese Pose des ungerecht Leidenden in einem Prozess beibehielte, noch dazu vor einem amerikanischen Gericht, weil die Bush-Administration darauf bestand? Demonstrationen in vielen Ländern wären die Folge - und Anschläge der fanatisierten, empörten Anhänger wären zu befürchten. Die internationale Anti-Terror-Koalition würde hart strapaziert, möglicherweise würde sie sogar auseinanderbrechen.

Und was, dies zuletzt, wenn das Gericht bin Laden zum Tode verurteilte? Ihn dann verschonen - aber jederzeit damit rechnen, dass er freigepresst werden soll? Oder ihn töten und auf diese Weise endgültig zum Märtyrer machen? Solche Fragen können sich noch stellen, ausgeschlossen ist das längst nicht. Wer weiß, ob bin Laden nicht noch lebt. Aber was wichtiger ist als seine Worte: Wenn er verbleicht, wie es sein Aussehen auf dem letzten Video nahe legt, ist es besser. Nicht nur für die USA.

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