Meinung : Biographie adelt nicht

Nach dem Tod von Paul Spiegel spekulieren auch Nichtjuden über einen Nachfolger

Malte Lehming

Kaum war Paul Spiegel tot, begannen die Spekulationen. Wer wird künftig die in Deutschland lebenden Juden repräsentieren? Und fast zeitgleich wurde eine Vermutung geäußert: Der nächste Präsident des Zentralrats werde womöglich kein Holocaustüberlebender mehr sein, sondern der so genannten zweiten oder gar dritten Generation angehören. Eine Zäsur bahne sich an.

Was wie eine neutrale Vermutung klingt, ist meist eine verräterische Hoffnung, genährt vor allem von Nichtjuden. Sie lautet: Es möge Schluss sein mit jenen Menschen, denen aufgrund ihrer Biographie die Rolle einer moralischen Instanz zugesprochen wird. Heinz Galinski, Ignatz Bubis, Paul Spiegel – viele Deutsche fühlten sich ihnen gegenüber eigentümlich wehrlos. „Die dürfen das sagen“, hieß es hinter vorgehaltener Hand, „nach all dem, was sie erlebt haben. Aber richtig ist es nicht.“

Diese Logik ist perfide. Das Trauma, das der Täter seinem Opfer zugefügt hat, soll begründen, warum es nur eingeschränkt zurechnungsfähig ist. Vielleicht ist das mit ein Grund, warum Ignatz Bubis und auch Paul Spiegel gegen Ende ihres Lebens das Gefühl beschlich, im Amt zwar gehört, geachtet, geehrt worden zu sein, aber nichts bewirkt zu haben. Vielerorts beklatschte man ihre Reden, dachte sich aber wohl: Na ja, die müssen halt manchmal etwas übertreiben.

Biographie adelt nicht. Menschen werden durch ihr Schicksal weder automatisch besser noch schlechter. In Israel galten deutsche Juden lange Zeit als recht versöhnungsbereit. Schließlich lebten sie im Land der Mörder. Ein Witz kursierte über sie: Treffen sich drei deutsche Juden nach dem Krieg in einem Café in Berlin. Die Tür geht auf, Adolf Hitler kommt herein. „Entschuldigung“, fragt er, „ist hier vielleicht noch ein Platz frei?“ Erst schweigen die drei Juden. Dann fasst sich einer ein Herz, steht auf und antwortet: „Für Sie nicht, Herr Hitler, für Sie nicht.“ Ob in Deutschland lebende Juden heute als Mahner oder Kuscher gesehen werden, ist eben auch eine Frage der Perspektive.

War Paul Spiegel ein Holocaustüberlebender? Bei Kriegsende war er ein kleiner Junge. Doch hatten deshalb seine späteren Worte zum Antisemitismus und Rechtsradikalismus weniger Gewicht als die seiner Vorgänger? Und wird Spiegels Nachfolger, sollte er abermals jünger sein, allein deshalb weniger Autorität haben? Natürlich nicht.

Die Aufgaben des nächsten Zentralratspräsidenten sind klar. Er muss die stark gewachsenen Gemeinden festigen, insbesondere die russischsprachigen Juden integrieren und die Einheitsgemeinde bewahren. Das kann ein Holocaustüberlebender per se nicht besser als ein junges Verbandstalent. Der Biographiebonus, der Galinski, Bubis und Spiegel aus Ressentiment und falscher Toleranz von nichtjüdischer Seite gewährt wurde, war ein Zeichen von Unsicherheit. Alle Beteiligten können darauf verzichten. Das wäre keine Zäsur, allenfalls eine Entkrampfung.

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