Meinung : Bioterror per Zugvogel

Mückenstiche könnten demnächst lebensgefährlich werden / Von Alexander S. Kekulé

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WAS WISSEN SCHAFFT

In den USA sind Biowaffen-Experten gefragt wie nie. Zum Jahrestag der Anschläge vom 11. September und vor einem möglichen Angriff auf den Anthrax-Großproduzenten Irak rüstet sich die Nation für den biologischen Abwehrkampf. Weitere Milzbrand- Briefe und die befürchteten Anschläge mit Pockenviren sind ausgeblieben. Jedoch hat eine altbekannte Biowaffe in diesem Jahr bereits 638 Amerikaner infiziert und 31 das Leben gekostet: mit Viren beladene Stechmücken. Hungrige Mückenweibchen können die Viren kilometerweit verbreiten und ihre Opfer auch im Dunkeln an der Atemluft erkennen. Praktischerweise töten die Mücken-Viren der „Gelbfiebergruppe" (wie Gelbfieber-, Dengue- und West-Nil-Virus) ihre Opfer in der Regel nicht: In der Perversion des biologischen Krieges ist ein schwer kranker Soldat besser als ein Toter, weil er die Ressourcen des Gegners länger beansprucht.

Die gegenwärtige Bio-Attacke kommt jedoch nicht von einem „Schurkenstaat", sondern wahrscheinlich aus Israel. Das dort verbreitete West-Nil-Virus wurde 1999 nach New York eingeschleppt. In nur drei Jahren hat es sich in 40 US-Bundesstaaten ausgebreitet, von den feucht-kalten Wäldern North Dakotas bis zu den Sonnenstränden Floridas. In den meisten Fällen bleibt die Infektion ohne Symptome, in etwa 20 Prozent tritt ein – relativ harmloses – Fieber mit Kopfschmerzen auf. Bei einem von 150 Infizierten greift das West-Nil-Virus jedoch auf das Gehirn über. Aus Angst vor der meist tödlichen Gehirnentzündung wagen sich viele Amerikaner während der „mosquito season" kaum noch vor die Türe, Kinder dürfen im Garten nur unter Mückenzelten spielen.

Die rasante Verbreitung über Tausende Kilometer war den Wissenschaftlern zunächst ein Rätsel – bis sich herausstellte, dass einige Mückenarten bevorzugt Zugvögel stechen. Die systematische Untersuchung von Vogeleiern ergab, das nur der äußerste Westen der USA – hinter den Rocky Mountains – noch vor dem West-Nil-Fieber-Virus sicher ist.

Das galt bis vergangene Woche. Jetzt stellte sich heraus: Die gefährlichen Viren benutzen wahrscheinlich ein weiteres Vehikel, mit dem sie innerhalb weniger Stunden jeden Staat der USA erreichen können: Sie reisen im Learjet, perfekt frisch gehalten in der Kühlbox für Transplantationsorgane. Vier Organempfänger erkrankten kürzlich ohne Mückenstich an mysteriösen Hirnentzündungen durch das West-Nil-Virus, einer von ihnen starb. Die Organe – Herz, Leber und zwei Nieren – stammten von einer Frau aus Georgia, die bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Wenn sich die vorläufigen Untersuchungen bestätigen, kann das West- Nil-Virus durch Organe und Blut übertragen – und damit theoretisch auch ins Ausland exportiert werden. Für Blutkonserven gibt es noch keinen zuverlässigen Test.

So könnte sich das West-Nil-Virus auch in Mitteleuropa jederzeit ausbreiten. Noch stechen die Quälgeister hier zu Lande ohne scharfe Munition. Doch gerade die deutsche „Hausmücke" (Culex pipiens) ist in den USA der Hauptüberträger des West-Nil-Virus. Einzige Voraussetzung für eine Epidemie wäre, dass eine ausreichend hohe Zahl von Vögeln – das natürliche Reservoir der Viren – infiziert wird. Begrenzte Ausbrüche wurden in Europa bereits beobachtet, etwa in Rumänien oder im Mittelmeerraum. Trotz der Warnungen aus den USA werden kaum Vorbereitungen getroffen. Vögel werden nicht systematisch untersucht. Nur wenige Speziallabore können das West-Nil-Virus diagnostizieren, die meisten Klinikärzte würden das exotische Krankheitsbild nicht einmal vermuten. So wird man einmal mehr von einer vorhersehbaren Katastrophe überrascht sein – wie von Tschernobyl, Rinderwahn oder dem Hochwasser. Immerhin: Solange das Virus nicht von Bioterroristen, sondern von gewöhnlichen Mücken verbreitet wird, hilft im Notfall immer noch die Fliegenklatsche.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Universität Halle-Wittenberg. Foto: Jacqueline Peyer

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