Meinung : Bioterrorismus: Abwehr ist die beste Verteidigung

Alexander S. Kekulé

In der transatlantischen Allianz gegen den Terror kriselt es unübersehbar. Die Amerikaner haben auf der Sicherheitskonferenz in München sehr deutlich gemacht, dass sie von Europa - und zuvorderst den Deutschen - mehr erwarten. Die Europäer sind ihrerseits irritiert vom Auftrumpfen ihres Bündnispartners: Vizeverteidigungsminister Wolfowitz erklärte: "Die beste Verteidigung ist ein guter Angriff."

Und die Europäer? Denen bleibt wenig anderes übrig als mitzumachen, wenn sie einen amerikanischen Alleingang verhindern wollen. Im militärischen Bereich würde das angesichts der in München diagnostizierten "Technologielücke" zwischen der neuen und der alten Welt enorme Anstrengungen erfordern - mit dem jetzt geplanten 379 Milliarden-Dollar-Etat des Pentagons kann Europa nicht mithalten.

Der Kampf gegen den Terror wird jedoch nicht nur an der militärischen Front geführt. Die zweite Front ist die zivile Verteidigung - und sie könnte durchaus eine europäische Stärke werden. Die Ereignisse des vergangenen Jahres haben gezeigt, dass wir alle gegen heimtückische Anschläge mit voll getankten Passagierflugzeugen, hoch infektiösen Milzbrandsporen und anderen Massenvernichtungswaffen erschreckend wehrlos sind.

Anschlag mit Krim-Kongo-Fieber

Die gefährlichste Bedrohung für die Zivilbevölkerung der westlichen Industrienationen, darin sind sich die Experten einig, werden in den kommenden Jahrzehnten bioterroristische Angriffe sein. Im Gegensatz zu nuklearen und chemischen Waffen sind gefährliche Infektionserreger auch für nichtstaatliche Aggressoren leicht zugänglich: Die tödlichen Erreger des "Rift-Valley-Fieber" und des "Krim-Kongo-Fieber" kommen etwa in Saudi-Arabien, im Jemen und in Afghanistan vor, das gefürchtete Ebola-Virus kann mühelos aus Afrika besorgt werden. Die USA haben bereits unter Präsident Clinton die Warnungen der Fachleute ernst genommen und erste Programme zum Schutz vor biologischen Anschlägen begonnen.

Anfang dieser Woche ging Präsident Bush noch einen Schritt weiter: Er stellte ein Elf-Milliarden-Paket gegen Bioterrorismus vor - eines der größten Einzelprojekte in der Geschichte der zivilen Verteidigung. Das Geld soll in den kommenden zwei Jahren für den Aufbau von Speziallaboren, Forschung und medizinische Infrastruktur ausgegeben werden.

In Deutschland setzten bereits einige wenige Trittbrettfahrer-Briefe mit harmlosem weißem Pulver die zuständigen Behörden schachmatt - ein wirklicher Bioterror-Anschlag wäre ein nicht auszudenkender Albtraum. Auch die Schutzkommission beim Bundesinnenminister mahnte erhebliche Mängel im Bereich des biologischen Katastrophen- und Zivilschutzes an. In militärischen Dimensionen sind selbst 8,6 Milliarden Euro für 73 Airbusse nur ein Tropfen auf den heißen Stein. In der zivilen Abwehr von Bio-Gefahren würde dagegen bereits ein Bruchteil dieser Summe genügen, um die Sicherheit der Bevölkerung entscheidend zu verbessern.

Die wissenschaftliche Bewältigung der neuen Bedrohung steht auch in den USA erst am Anfang - eine Chance für Europa, diesmal in der ersten Liga mitzuspielen. Mit einer herausragenden Kompetenz in Sachen Seuchenabwehr und Zivilschutz könnte die EU im Kampf gegen den Terror mitmachen, ohne nur Mitläufer zu sein - und ihrem transatlantischen Partner beweisen, dass intelligente Verteidigung allemal besser ist als ein noch so guter Angriff.

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