Meinung : Bitte auf dem Boden bleiben!

Die US-Raumfähre Discovery ist sicher gelandet, die Atlantis fast startklar

Christoph von Marschall

Amerika hat neue Helden. Der Mensch kann die Elemente bezwingen, selbst draußen im Weltall. Und mit dem unbedingten Willen zum Erfolg kann er die Nation unten auf der Erde nebenbei von einem Trauma befreien.

Quer durch die Zeitzonen ihres Kontinents hatten Millionen Amerikaner an den Fernsehgeräten mitgefiebert. Die Reparatur an der Unterseite der Discovery am Mittwoch, auch das eine Premiere und ein Schritt in technisches Neuland, war der erste bewegende Teil der Geschichte. Aber erst gestern, als sich der Shuttle durch die Atmosphäre rüttelte – zwar weißen Rauch hinter sich herziehend, aber in stetiger Annäherung an die Landebahn in Kalifornien – und sicher aufsetzte, war die Macht der traumatischen Bilder von 2003 gebannt: Damals war die Columbia beim Wiedereintritt in die Atmosphäre verglüht. Beim Start hatte herabfallendes Isoliermaterial den Hitzeschild beschädigt. Monatelang hatte die Nasa das Problem untersucht und die Discovery-Mission mehrfach verschoben. Dennoch hatte sich der Fehler wiederholt, als der Raumgleiter vor zwei Wochen von der Erde abhob. Ein Schock für die Nasa, die Planungen für alle weiteren Flüge wurden erst einmal gestoppt.

Vielleicht doch nicht so schlimm – das ist jetzt die Stimmung. Was die Ingenieure unten am Boden nicht im Griff haben, lässt sich unterwegs beheben. So kennt es die Pioniernation aus der Geschichte ihres langen Marschs nach Westen: der Eroberung der nordamerikanischen Landmasse.

Und ist der Triumph der Astronauten über die Tücken des Materials nicht zugleich ein schlagendes Argument für die bemannte Raumfahrt? Man braucht den Menschen da draußen, seinen Geist und seine Fingerfertigkeit. Das kann man nach der anderen, gerade noch vermiedenen Katastrophe dieser Tage auch anders sehen. Die sieben russischen Seeleute – ja, auch hier war es die gleiche biblisch-mystische Zahl wie an Bord der Discovery – wurden von einem Tauchroboter aus ihrer Gefangenschaft in dem anderen feindlichen Element befreit: der Welt unter Wasser.

Die glückliche Rückkehr der Discovery- Crew und die Pioniertat im All dürfen nicht darüber hinwegtäuschen: Die bemannte Raumfahrt bleibt ein Himmelfahrtskommando – kein normaler Mensch würde sich freiwillig auf mehreren Tonnen hochexplosiver Treibstoffe auf Reisen begeben. Gewiss, die Risiken werden immer weiter eingeschränkt, es gibt, zum Beispiel, mehrere Landebahnen von Florida bis Kalifornien, um dem Wetter zu trotzen. Aber Risiken bleiben, und sie sind nur verantwortbar, wenn auf alle Verlass ist: Mensch und Maschine, die Ingenieure am Boden, die Astronauten, aber eben auch die vielen Roboter und Computer, die die Raumfahrt erst möglich machen, weil sie Arbeiten und Rechenvorgänge in einer Schnelligkeit und mechanischen Zuverlässigkeit beherrschen, die menschlichen Gehirnen und Fingern einfach nicht gegeben ist.

Die neue Euphorie in Amerika beflügelt die Fantasien, die Atlantis bereits in sechs Wochen zur nächsten Mission starten zu lassen. Sie sollte besser am Boden bleiben, bis das Rätsel der abfallenden Isolierstoffe gelöst ist.

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