Meinung : Bittere Pillen am Kap

Südafrikas Regierung versagt im Kampf gegen Aids

Wolfgang Drechsler

Jeder neunte Südafrikaner ist inzwischen HIV-positiv: 4,8 Millionen der 43 Millionen Südafrikaner. Tag für Tag kommen 1700 Neuansteckungen hinzu – aufs Jahr gerechnet entspricht das der Einwohnerzahl einer Stadt wie Lübeck. Auch die Zahl der Toten hat apokalyptische Ausmaße erreicht: Rund 680 Menschen, fast ausschließlich Schwarze, sterben jeden Tag an der Epidemie oder einer durch sie bedingten Krankheit.

Umso schwerer ist zu begreifen, dass die südafrikanische Regierung fast zehn Jahre nach ihrem Amtsantritt noch immer keine kohärente Aids-Politik entworfen hat. Sie hat es bislang versäumt, den Millionen von HIV-Infizierten billige Aids-Medikamente, so genannte Anti-retrovirale, zur Verfügung zu stellen, die Lebensqualität und Lebensdauer der Erkrankten nachhaltig heben können. Kein Wunder, dass der Afrikanische Nationalkongress (ANC) um Präsident Thabo Mbeki auf der in Durban tagenden nationalen Aids-Konferenz im Zentrum der Kritik steht. Die Ziele des neuen Fünf-Jahres-Plans sind äußerst vage und widersprüchlich.

Präsident Mbeki hat seine hanebüchene Erklärung für Aids – Hinterlassenschaft des Kolonialismus – zwar jüngst nicht mehr wiederholt. Aber offenbar ist er noch immer überzeugt, dass Aids weniger durch ungeschützten Sex als durch Armut und mangelnde Hygiene verursacht werde. Seine Gesundheitsministerin Manto Tshabala-Msimang behauptet, es sei sinnlos, Aids-Mittel an arme, ungebildete Menschen zu verteilen, weil sie die kostspieligen Präparate ohnehin nicht vorschriftsmäßig schlucken. Sie favorisiert gesunde Ernährung und erhöhte Vitaminzufuhr als Schlüssel zur Bekämpfung der Epidemie.

Die Liste der staatlichen Versäumnisse am Kap ist lang: Statt Aufklärungskampagnen finanzierte die Regierung lange Zeit das angebliche Wundermittel Virodene, das sich später als toxisches Lösungsmittel entpuppte. Auch hat sie zahlreiche Angebote von Pharmafirmen ausgeschlagen, Aids-Mittel und Cocktails mit starkem Preisnachlass verfügbar zu machen. Ihre Verteilung ist noch immer auf einzelne Pilotprojekte beschränkt. Und sie weigert sich, HIV-infizierte Mütter landesweit mit dem bewährten Mittel Viramune zu behandeln, um dadurch das Ansteckungsrisiko bei Neugeborenen zu verringern.

Südafrika liefert ein Anschauungsbeispiel, wie selbst die besten Absichten von Ländern, Hilfsorganisationen und Pharmaunternehmen verpuffen, wenn der Wille zur Umsetzung von Vereinbarungen fehlt. Erst vor kurzem hat der UN-Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria darauf hingewiesen, dass eine Reihe afrikanischer Staaten mit Erfolg Aids-Mittel durch ihr staatliches Gesundheitssystem vertreiben.

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