Meinung : Black is beautiful

„Ausfahrt aus der Mohrenstraße“

vom 29. Dezember

Andrea Dernbach hat recht mit ihrer Kritik an dem schwammigen, irreführenden Begriff (deutsche) „Leitkultur“. Es gibt eine solche nicht, und man kann ihn leicht widerlegen. Berechtigt ist auch ihre Forderung, dass Deutschland sich stärker seiner kolonialen Verstrickung stellen sollte. Unrecht hat sie jedoch mit ihrer Forderung, dass rassistische Begriffe aus der Kinderliteratur bzw. der Literatur überhaupt, getilgt werden müssten. Hier geht es um ein anderes Thema. Ersetzt man die Begriffe „Neger“ oder „Nigger“, beraubt man die Werke ihrer Authentizität oder ihrer Historizität und verfälscht sie. In Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“ wird Rassismus nicht (als „koloniales Erbe“) thematisiert. Ob der „Negerkönig“ in „Südseekönig“ o. ä. umgetauft wird, hat keinerlei Bedeutung für Lindgrens Geschichte, in der die traditionelle Kindererziehung humorvoll auf die Schippe genommen wird.

In Amerika, wo die Diskussion über Political Correctness in der Literatur ihren Anfang nahm, verhält es sich anders. Die Jugendliteratur des 19. Jh. schildert ein Land, in dem Rassismus gesellschaftliche Praxis war. In Mark Twains „Adventures of Huckleberry Finn“ ist Rassismus das zentrale Thema, und der Sklave Jim ist für alle, auch für Jims Freund Huck, „Nigger Jim“. Es hat nichts Beleidigendes, sondern kennzeichnet Jims unterprivilegierte bzw. rechtlose gesellschaftliche Situation. Jeder gebildete Afro-Amerikaner in den USA kennt die Leidensgeschichte seiner Vorfahren, die auch durch Mark Twain thematisiert wird. In „Huckleberry Finn“ solidarisiert der Autor sich voll mit dem Nigger Jim, dessen Traum, nicht mehr Sklave zu sein, am Ende in Erfüllung geht, gleichzeitig aber verdrängt er den Genozid an den Ureinwohnern des Kontinents, den Indianern, indem er den „Indianerjoe“ im Tom Sawyer als skrupellosen Mörder, den Inbegriff des Bösen, darstellt, der auch Kinder nicht verschont. Twain hatte den Rassismus gegen die Indianer so verinnerlicht, dass er im Indianerjoe die Verkörperung des durch „Rassenschande“ gezeugten „Halbbluts“ (Halfblood) anprangerte. Diese Einschätzung war im 19. und 20. Jh. nationaler Konsens, wie es auch in Filmen wie „Halfblood“ vorgestellt wird. Die Schwarzen hatten damals nach dem Bürgerkrieg bereits eine (politische) Stimme, die Indianer nicht. Wollten hier die literarischen Säuberer Mark Twains Werk politisch korrigieren, dann wäre der Plot bzw. die ganze Geschichte von Tom Sawyer zerstört, die auf der Enttarnung und Vernichtung des teuflischen Indianers beruht. Auch hat der Begriff „Neger“ in Nordamerika einen Bedeutungswandel erfahren: Die afroamerikanischen Schriftsteller J. Baldwin, E. Clever, R. Ellison und A. Davis waren stolz, sich Negroes oder Blacks zu nennen.

Ingeborg Jacobs, Berlin-Lichterfelde

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