Meinung : Bleibt Schülern von heute wirklich keine Zeit für Hobbys?

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„Geraubte Jugend“ vom 26. März

Ich bin fassungslos über den Dauerstress, dem Kinder heute ausgesetzt sind. Fünftklässler haben Arbeitszeiten wie ihre Eltern. Hochwertige Freizeitangebote (und tausende damit verbundene Arbeitsplätze!) werden ruiniert, weil Gymnasiasten keine Zeit mehr für Hobbys haben. Man frage mal bei Sportvereinen und besonders bei Musikschulen nach! Nachdem die Musikschulen seit 20 Jahren kaputtgespart werden, wird ihnen nun gänzlich die Luft abgedreht. Und natürlich ist das alles völlig alternativlos! In Bayern und Baden-Württemberg gab es die stärksten Proteste von Elternverbänden, und sie laufen noch. Es ist ein Trauerspiel, wie wenig in Berlin passiert, weil es hier eine bürgerliche Elternschaft kaum gibt. Dafür scheint hier der Typus Superehrgeiz-Eltern weit verbreitet, der das auch noch gut findet, dass die Kinder permanent unter Druck sind. Ulrich Pollmann, Berlin-Wilmersdorf

Sehr geehrter Herr Pollmann,

Sie ist schon verständlich, die Aufregung über G 8 – wer würde das in Zweifel ziehen, jedenfalls keine Eltern von Kindern, die nun hier in Berlin seit der 5. bzw. 7. Klasse das Mehr an Unterrichtsstunden in der Woche erleben. Und die nicht nur erleben, wie ihre Kinder jetzt, ein Jahr vor dem Abitur, mit der Frage der schlechteren Studienchancen beschäftigt sind. Die dafür ein "knatschiges" Kind und die eine oder andere Diskussion mit ihren Kindern auf sich nehmen mussten, ob man denn nun auch wirklich nach dem langen Tag noch ...

Insgesamt eine echte Gemengelage von Anliegen und Bedürfnissen, von Beobachtungen und Absichten, die hier geäußert werden: Die verständliche Sorge um Kinder, die keine Freizeit mehr haben, die Sorge um Bildungseinrichtungen oder Sportvereine, die schließen müssen und Musiklehrer und andere Pädagogen, die nicht mehr genügend Arbeit finden. Dann die Kritik an nicht „entrümpelten“ Lehrplänen - schon im 19. Jahrhundert wurde eine „Überbürdung“ kritisiert - und am schlechten Unterricht in den Schulen und überhaupt eine Klage über neue und andere Zeiten, als die, in denen wir noch unsere Kindheit erlebten. Keiner, auch kein Erziehungswissenschaftler, könnte einfach, unter Bezugnahme auf „neueste Studien“, sagen, ob und warum G 9 besser ist als G 8 oder umgekehrt.

Eines aber erstaunt mich immer wieder: Mit Selbstverständlichkeit wird von einer bestimmten – hier als „bürgerlich“ bezeichneten – Position und Perspektive aus gesprochen, ohne dass dieses reflektiert wird. Das betrifft vor allem zwei Punkte:

1. Getan wird so, als ob für alle Eltern gesprochen werden muss und kann und vor allem, als ob die „bürgerlichen“ Eltern die wahren Vertreter aller Kinderinteressen seien. Aber warum wird so leicht Kindheit immer nur mit Freizeit gleichgesetzt? Seit über 100 Jahren ist für alle Kinder Kindheit zentral Schulzeit – auch und gerade mit ihren Anforderungen und mit der Möglichkeit, hier mit Gleichaltrigen auf eine besondere Weise zusammenzutreffen. Und warum wird als Freizeitbeschäftigung so oft das Spielen eines Musikinstrumentes angeführt? Ob das denn für alle Kinder, die dieses tun (müssen), überhaupt als Freizeitbeschäftigung verstanden wird, bleibt dabei offen.

2. Zumeist geht es bei Bildungsfragen – gerade dann, wenn sich „bürgerliche“ Eltern zu Wort melden – unausgesprochen auch noch um etwas anderes. Der Druck nimmt zu, für die eigenen Kinder gute Startpositionen in das Berufsleben zu erreichen – da kann man sich über die „Superehrgeizeltern“ mokieren oder aufregen, so viel man will. Im Zusammenspiel mit der Entwertung des Abiturs, das so viele und immer mehr machen, mit dem Kampf um Schulplätze an den Gymnasien und mit der Einrichtung von G 8, einer zeitlichen Flexibilisierung der Bildungsgänge – schließlich gibt es auch Schulen, eben Nicht-Gymnasien, die einen längeren Bildungsweg zum Abitur anbieten – scheint sich das eingespielte Gefüge einer Reproduktion sozialer Ungleichheit und die Elitenrekrutierung tendenziell zu verändern: Wer macht am schnellsten das Abitur und kann – weil er so schnell lernt – auch noch seinen vielen Hobbys frönen, die im Zweifelsfall natürlich der Steigerung des Humankapitals dienen, oder? Schnell an der schnellen und richtigen Schule zu sein und – wie um Himmels willen – komme ich mit meinem Kind erst einmal überhaupt dahin? Das erzeugt nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei den Eltern Stress.

Es geht bei den Debatten um G 8 nicht nur um die Interessen der und schon gar nicht um die aller Kinder, sondern eben auch um Privilegiensicherung. Schöner wäre es eben, alle (natürlich nur die, die aufs Gymnasium gehören, versteht sich) würden neun Jahre gehen müssen und hätten Zeit, Klavier zu lernen, - bürgerliche Eltern könnten sich darauf verlassen und müssten nicht in ständiger Sorge sein.

— Sabine Reh, Professorin für Allgemeine und Historische Erziehungswissenschaft an der TU Berlin

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