Meinung : Blick zurück nach vorn

Hätte der 11. September verhindert werden können? Die Terrorfrage im amerikanischen Wahlkampf

Malte Lehming

Die Eltern von Marty sind Versager. Das ärgert den Jungen. Zusammen mit Doc, einem verrückt-genialen Wissenschaftler, reist er in die Vergangenheit. Kann er verhindern, dass sich seine Eltern kennenlernen? Kann er auf diese Weise die Gegenwart manipulieren? Steven Spielberg hat aus diesem Stoff den Film-Klassiker „Zurück in die Zukunft“ produziert. Die Vision von einer Reise in die Geschichte hat er mit dem Wunsch verbunden, gewisse Faktizitätshärten einfach aufheben zu können. Was wäre, wenn? Man wird doch noch mal träumen dürfen.

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 hätten womöglich verhindert werden können. Im Nachhinein, post festum, weiß jeder, was zu tun gewesen wäre. Das Zauberwort heißt „wenn“. Mindestens dreimal hatte die Regierung von US-Präsident Bill Clinton ziemlich zuverlässige Informationen über den Aufenthaltsort von Osama bin Laden. Wenn sie nur einmal ein paar Cruise- Missiles losgeschickt hätte, um den Terrorfürsten zu töten, sähe vieles vielleicht anders aus. Aber sie zögerte, traute den Informationen nicht, hatte Angst vor zivilen Opfern. Dabei war die Gefahr seit Mitte der 90er Jahre bekannt. Warum nicht schon damals ein Krieg gegen die Taliban?

Das Resümee von George W. Bush fällt kaum besser aus. Seine Regierung hatte die Al-Qaida-Bedrohung vor dem 11. September ebenfalls nicht ernst genug genommen. Bush mokierte sich über das „Fliegenklatschen“ seines Vorgängers, eine Alternative hatte er nicht. Warum auch? Die Tagesordnung beherrschten andere Dinge: Der Friedensprozess im Nahen Osten, der Irak, die Beziehungen zu Russland (ABM-Vertrag) und China (Kollision mit einem chinesischen Militärjet).

Wenn aber alle versagt haben, trifft keinen die Schuld. Das ist das unbarmherzige Gesetz der Politik. Eine unabhängige Kommission des amerikanischen Kongresses versucht dennoch die Umstände zu klären, die „Nine-Eleven“ möglich gemacht haben. Hinterbliebene der Opfer haben auf die Untersuchung gedrängt, Bush selbst wollte dies anfangs verhindern, schließlich stimmte er mürrisch zu. In dieser Woche wurde eine hochkarätige Riege von Ex- und Noch-Ministern vorgeladen, darunter Madeleine Albright, Colin Powell, Donald Rumsfeld. Überraschend einmütig rechtfertigten sie die Maßnahmen ihrer jeweiligen Regierung. Gegenseitige Bezichtigungen gab es kaum. Spektakuläre Enthüllungen präsentierte niemand.

Die Nation ist trotzdem live dabei. Denn diese Reise in die Vergangenheit definiert im hohen Maße die Gegenwart. Es ist Wahlkampf in den USA. Und Bush tritt im Wesentlichen mit nur einer Botschaft an: Ich bin der einzig wahre Terrorbekämpfer. Dieses Image darf keine Kratzer kriegen. Doch die hat es bereits. Besonders schwer wiegen die Vorwürfe des Terrorexperten Richard Clarke, der am Mittwoch vor der Kommission aussagte. Er beschuldigt den Präsidenten, vor dem 11. September untätig gewesen zu sein und anschließend falsch reagiert zu haben. Der Krieg gegen den Irak habe dem Kampf gegen Al Qaida eher geschadet. Clarke ist ein einsamer Rufer in der Wüste. Immer wieder hatte er vor einem größeren Anschlag in den USA gewarnt. Seine Kollegen hielten ihn für obsessiv. Die Geschichte gab ihm Recht.

Hätten die Anschläge also verhindert werden können? Wahrscheinlich nicht. Vor „Nine-Eleven“ wäre ein Krieg gegen Afghanistan höchst unpopulär gewesen. Weder der Kongress noch die Weltöffentlichkeit wären dafür gewesen. Und als die Bush-Regierung ins Amt kam, waren die Pläne für die Anschläge längst ausgearbeitet. Keine Invasion hätte die Attentäter noch stoppen können. Erst die Bilder von den einstürzenden Türmen des World Trade Centers haben den Amerikanern die Augen geöffnet für die Terrorgefahr. Wer die Frage, wie die Tragödie passieren konnte, mit dem Vorwurfs-Zeigefinger stellt, muss sich den Gegenvorwurf der Besserwisserei gefallen lassen.

Brisanter allerdings ist Clarkes zweite Behauptung. Hat die Bush-Regierung nach den Anschlägen richtig reagiert? Ist der Irakkrieg ein notwendiger Teil im Kampf gegen den Terrorismus? Oder wurde durch die Invasion Al Qaida gestärkt? Das ist die Debatte, die Amerika jetzt führen muss. Ihren Abschlussbericht wird die Kommission am 26. Juli vorlegen, pünktlich zum Auftakt des demokratischen Parteitags zur Nominierung des Präsidentschaftskandidaten. Das Motto könnte heißen: zurück in die Gegenwart.

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