Meinung : Bloß keine Gespensterdebatte

„Neuer Geist im Spukschloss“

vom 4. Juli

In Berlin spukt es. Es ist aber nicht das „Spukschloss“, sondern die Gespensterdebatte um den Wiederaufbau des Berliner Schlosses. Dass der Baubeginn voraussichtlich auf 2013 verschoben wird, ändert nichts an dem mit großer Mehrheit des Deutschen Bundestages gefassten Beschluss zum Wiederaufbau des Schlüterschen Barockschlosses als Humboldt-Forum. Die Verkündung eines Baubeginns im Jahre 2010 war immer schon unrealistisch. Stattdessen kann jetzt der Bau mit der nötigen Sorgfalt geplant und vorbereitet werden. Ein großer Planungsstab aus Architekten und Ingenieuren ist – von allen Gespensterdebatten unberührt – mit Hochdruck am Werk.

Einer ernsthaften Debatte wert aber ist der Bibliotheksstandort. Die neue Landesbibliothek im Herzen der Stadt anzusiedeln ist eine gute und richtige Idee! Die Zentral- und Landesbibliothek gehört ins Zentrum und nicht ins Abseits! Die neue Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) soll ihre in der Stadt verteilten Bibliotheken unter einem Dach vereinen, die Amerika-Gedenkbibliothek in Kreuzberg, die Senatsbibliothek in Charlottenburg und die Stadtbibliothek in Mitte. Als Standort ist der Flughafen Tempelhof im Gespräch. Die Berliner Stadtbibliothek liegt heute in der Breite Straße in der historischen Stadtmitte neben dem künftigen Schloss. Zur Zeit wird als Beitrag des Landes Berlin zum Wiederaufbau des Schlosses für die Zentral- und Landesbibliothek eine Fläche von 4000 qm als Teil des Humboldt-Forums geplant. Die Unterbringung der Abteilungen Musik, Film und Kunst sowie der Kinder- und Jugendbibliothek ist fester Bestandteil des Bau- und Finanzierungsplans des Berliner Schlosses. Eine unterirdische Tunnelverbindung soll die Schloss-Bibliothek mit der Stadtbibliothek in der Breite Straße verbinden. Was ist naheliegender, als auch den Neubau der Zentral- und Landesbibliothek in der Nachbarschaft anzusiedeln? Vor dem Roten Rathaus wäre Platz. Einen zentraleren Standort für eine Zentralbibliothek gibt es nicht. Angesichts der Haushaltsnot wäre die bauliche Ergänzung der Schloss-Bibliothek und der Stadtbibliothek in der Breite Straße auch eine wirtschaftlichere Lösung als ein vollständiger Neubau in Tempelhof. Auch für die Nutzer wäre ein gemeinsamer Standort der Zentral- und Landesbibliothek in der Stadtmitte von Vorteil. Der Standort ist von überall in der Stadt mit öffentlichen Verkehrsmitteln bestens erreichbar und ermöglicht vielfältige Synergieeffekte. Für öffentliche Bau- und Infrastrukturinvestitionen gilt: Sie sollten Multiplikatoren sein und viele private Investitionen nach sich ziehen. Dies sollte auch für die geplante Bauinvestition der Zentral- und Landesbibliothek gelten.

„Berlin ist zu groß für Berlin“ (Hanns Zischler). Es verliert sich in der weiten Natur seines wasserreichen Urstromtals und in seinen vielen ausgedehnten Stadtteilen mit ihrem Eigenleben und ihren Kiezen. Und es ist immer noch geteilt in Ost und West. Berlin muss sich konzentrieren, will es eine Metropole mit Zukunft sein. Es muss sich konzentrieren, wenn es gesamtstädtischen Bürgersinn wecken will. Deshalb gehören zentrale Einrichtungen für die Gesamtstadt ins Zentrum. Stadtteile haben ihre eigenen Zentren – die Gesamtstadt trifft und findet sich in der Mitte. Nach zwei Jahrzehnten Wiedervereinigung hat die Bundeshauptstadt im Spreebogen ihre staatsbürgerliche Mitte gefunden. In der historischen Mitte entwickelt die Hauptstadt mit ihren Kulturbauten von Weltrang ihre weltbürgerliche Mitte. Was Berlin fehlt ist die bürgerschaftliche Mitte! Der Spatenstich zum Bau der U-Bahnstation Berliner Rathaus, der den Raum vor dem Rathaus für Jahre zur Baustelle machen wird, sollte das Signal sein für den letzten Akt des Wiederaufbaus der Mitte Berlins – die Gestaltung eines bürgerschaftlichen Zentrums zwischen Fernsehturm und Spree, mit einer großen öffentlichen Bibliothek für die Bürger der ganzen Stadt, mit einem großen Rathausplatz, der der größten deutschen Stadt würdig ist, und einem Bürgerforum für Ausstellungen, Informationsveranstaltungen und öffentliche Debatten, „Gespensterdebatten“ eingeschlossen.

Florian Mausbach, Berlin,

Präsident a. D. des Bundesamtes für

Bauwesen und Raumordnung

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