Meinung : Bloß keine Metaphysik

Ist Angela Merkel zu wenig konservativ? Wer so fragt, hat die CDU nicht verstanden

Robert Birnbaum

Früher schien alles einfach. Früher hat die CDU im Wahlkampf „Freiheit statt Sozialismus“ (1976) plakatiert, hat Helmut Kohl die „geistig-moralische Wende“ (1982) verkündet, hat sich die CDU als konservative Formation präsentiert, mindestens als auch konservative. Selbst 2002 konnte die Auswahl Edmund Stoibers als Kanzlerkandidat noch so gedeutet werden. Aber heute? Heute ist alles kompliziert.

Man erkennt das am anschwellendem Gejammer von rechts wie links. Konservative wie Antikonservative beklagen Mangel an ideologischem Fundament – die einen aus Sorge um ihren Einfluss, die anderen in der Hoffnung auf klare Fronten. Doch der Gedanke an eine schwarze Revolution will sich nicht einstellen beim Anblick der Kanzlerkandidatin. Wo bleibt bloß das Konservative, Frau Merkel?

Nun war es mit dem Konservativen in der CDU immer so eine Sache. Schon Kohl hat die Wende behauptet, aber nie vollzogen, sondern seine Linksliberalen groß gemacht: Blüm, Geißler, Süssmuth. Das hat die Konservativen geärgert. Aber sie haben stillgehalten. Einmal, weil der Erzpragmatiker Kohl auch die rechte Klientel mit Pöstchen und Jargon bedient hat, zum Zweiten, weil sie sich wichtig genug vorkamen: Die Linke schrie ja verlässlich auf. Bei Kohls Enkelin bleibt der Aufschrei sogar dann aus, wenn sie „Nation“ sagt. Den Resten der Linken schwant: Wenn wir das bitter ernst nehmen, sind am Ende wir die Blamierten. Die Frau hat nicht umsonst Friedrich Merz’ „Leitkultur“ beiseite geschoben und Patriotismus-Debatten versanden lassen. In ihrer bislang ideologieträchtigsten Rede, jener, die Angela Merkel ihrer Partei zum 60. Geburtstag gehalten hat, lautet die Schlussfolgerung aus dem Bezug auf ein christliches Menschenbild: „realistische Politik“.

Aber reicht das? Braucht nicht auch dieser anstehende Regierungswechsel ein Projekt, eine Neudefinition des Konservativen, die über das Pragmatische, Handwerkliche hinausweist?

Eher wohl: nein. Schon deshalb nicht, weil „bürgerliche“ Regierungen weit weniger Legitimation nötig haben als „linke“. Bürgerliches Publikum braucht und will keinen visionären Plan zur Umwälzung der Gesellschaft, einfach weil es mit dieser Gesellschaft im Grundsatz ja ganz einverstanden ist. Es erwartet von seiner Regierung, dass sie funktioniert, nicht dass sie ihm predigt. Über das Schicksal der Kanzlerin entscheidet nicht Überbau, sondern Erfolg.

Überdies wäre es nicht einmal klug, Verlockungen eines Zeitgeists folgend einer kulturell multiplen Gesellschaft ein konservatives Projekt anzubieten. Das Projekt Merkel mag ja, wie „Die Zeit“ jüngst anmerkte, unterphilosophiert sein. „Konservativ“ wäre überphilosophiert. An dem Begriff kleben zu viele Erwartungen, die eine Kanzlerin Merkel weder erfüllen kann noch will. Es war mühsam genug, die CDU in einer gefühlt grün-schwarzen Moderne heimisch werden zu lassen. Große Teile der alten CDU-Basis sind da schon nicht mitgekommen. Die werden genug daran zu beißen haben, dass Schwulenwitze nach dem 18. September tabu bleiben und dass kein Sturm aus Berlin alle Windräder wegfegt. Derlei Zumutung auch noch „konservativ“ zu nennen, wäre eine Volte zu viel. Für Merkel allemal. Sie würde unauthentisch. Das ist, erst recht im Wahlkampf, eine Todsünde.

Und für die geistige Situation der Zeit und die Praxis der Gesetzgebung wäre es ja ohnehin gut, wenn Politik sich als Handwerk bescheiden würde. Alles andere fördert nur die paradoxe Pose, von der Regierung nichts zu erhoffen, aber alles zu erwarten. Auch die Erfahrungen mit Kohl wie mit Schröder lassen es geraten erscheinen, Anläufen zur Transzendenz mit äußerstem Misstrauen zu begegnen. Schon bei Kohl ist der CDU erst aufgefallen, dass er ihr Bedürfnis nach Weltbild nicht mehr befriedigte, als die Arbeitslosenzahlen unaufhaltsam stiegen. Wenn uns Merkel irgendwann mit geballter Sinnstiftung kommt, werden wir wissen, dass sie gescheitert ist.

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