Meinung : Bloß mit Feigenblatt

NAME

Von Stephan-Andreas Casdorff

Nun kommt sie doch, die Polarisierung und Amerikanisierung des Wahlkampfs. Aber anders, als sie sich die Planer, gleich welcher Partei, vorgestellt haben. Und mit ihr scheint eine neue Qualität der Betrachtung von Politik und Politikern einherzugehen. Die Frage ist in beiden Fällen, was wir uns leisten wollen und leisten können. So einfach und so schwer.

Zuerst zum eher einfachen. Da prangt der Kanzler nackt bis auf ein kleines rot-grünes Feigenblatt auf dem Cover der auflagenstarken Illustrierten „Stern“. So sehen ihn Millionen Leser. Wahrscheinlich sind die auch klug genug, das als Anspielung zu verstehen. Aber wie er aussieht: Stramm die Waden, dicklich der Bauch, platt die Füße, eher große Putte als kleiner griechischer Gott. Und eben das Feigenblatt – so klein. Viele werden in diesem Cover eine Verirrung erkennen, in jedem Fall ist es eine Geschmacksfrage. Der Kanzler, freigegeben für alle Form von Witzen? Die Werbung zieht schon nach, was zeigt, wie Distanz schwindet. Und Respekt. Dagegen spricht auch nicht, dass es Schröder selbst war, der anfangs die Grenze zum Persönlichen verwischte und so zu Missverständnissen einlud. Das versucht er seit einiger Zeit zu korrigieren. Seit den Brioni-Bildern. Er zeigt sich immer noch gerne jovial, aber Grenzüberschreitungen sind ihm nicht egal.

Nicht nur eine Geschmacksfrage, sondern unzweifelhaft eine Verwirrung ist, wie heute Politiker übereinander und miteinander reden. Es kann gut sein, dass die FDP mit ihrer Behandlung des Falles Karsli daran Schuld trägt. Bei aller Differenzierung: alles, was an Vokabular und Vergleichen aus der Zeit der Nazi-Herrschaft entlehnt ist, auch Hinweise auf das Schmutzblatt „Stürmer“, ist ungeeignet, eine sensible Debatte zum Thema Antisemitismus und Anti-Israelismus zum allgemeinen Nutzen zu führen.

Im Gegenteil, eine Polemik folgt der anderen, sie steigern sich, und zu viele könnten meinen, solche Worte seien ohne Einspruch möglich. Die schlimmste Entgleisung bisher stammt von Jürgen Möllemann, der Ariel Scharon und Michel Friedman vorwirft, mit ihrem Verhalten mehr als jeder andere den Antisemitismus zu fördern. Da kommt ein Grundton in die Diskussion, der bisher ausgeschlossen war: einer der historischen Leichtfertigkeit, der politischen Fahrlässigkeit.

Derart alarmiert lässt auch aufmerken, wenn ein Politiker wie Wolfgang Schäuble in der Spendenaffäre an Methoden von Goebbels erinnert. Hier fehlt eindeutig die Einordnung in die richtige Dimension. Was hängen bleibt, ist doch klar: Die SPD arbeitet wie der NS-Propagandaminister. Das ist als Analogie so falsch wie unverantwortlich. Denn damit schwindet auch wieder Distanz: zum rechten Rand der Politik. Und der Respekt gegenüber demokratisch gewählten Volksvertretern im Volk nimmt ab.

Das Problem ist abzusehen, und Abhilfe ist möglich. Jetzt ist der Bundespräsident gefragt: Er kann die Verständigung der Wahlkämpfer auf Fairness erreichen, darauf, was auch mit dem Willen zur Macht im Deutschland von heute nicht akzeptabel ist. Wahlkampf kann Schäden hinterlassen. Und die FDP ist gefordert: Sie muss schnell, nicht erst in drei Wochen, bei Karsli Klarheit schaffen. Je länger die Affäre dauert, desto stärker wird die Polarisierung, in der Partei und in der Gesellschaft. Wer Kanzlerkandidat sein will, darf Machtworte und Richtlinienkompetenz nicht scheuen. Wo sie notwendig sind.

SEITEN 1 UND 5

0 Kommentare

Neuester Kommentar