Meinung : Blühende Lebensstandards

Die Ostdeutschen finden die Lage im Osten schlimm – ihre persönliche aber ganz passabel

Richard Schröder

Zum 3. Oktober vergangenen Jahres hat mich eine westliche Journalistin gefragt, ob sich die Ostdeutschen endgültig in ihrer Misere eingerichtet haben. Reden wir von Ostdeutschland im Ganzen und nicht von seinen Problemzonen im Besonderen (die wir dann mit Problemzonen im Ruhrgebiet oder in Großbritannien vergleichen müssten), dann kann, was die Befindlichkeit der Ostdeutschen und ihre persönlichen wirtschaftlichen Verhältnisse betrifft, von einer Misere gar keine Rede sein. Sie sind überwiegend mit ihrer persönlichen Lage zufrieden. Und auch wenn die Gehälter nicht steigen, können sich doch viele dieses und jenes Zusätzliche leisten, sofern sie nämlich nicht das ganze Einkommen zum Monatsende fürs Laufende ausgeben müssen. Kontostand null am Monatsende, das gibt es auch im Westen, obwohl viele Ostdeutsche das nicht glauben.

Die ostdeutsche Misere ist eine Misere der ökonomischen Parameter, aber doch nicht eine Misere der Lebensqualität. Der Lebensstandard ist höher als der Ertrag der östlichen Wirtschaft. Oder: Im Osten übersteigen die Ausgaben der öffentlichen Hand und der gesetzlichen Sozialsysteme die Einnahmen. Es fehlt an wirtschaftlicher Dynamik. Das ist ökonomisch brisant, aber nicht politisch brisant dergestalt, dass nächstens der Aufstand gegen die Misere ausbrechen könnte. Auf Dauer ist das aber auch politisch brisant. Das Ziel muss sein, dass nicht der Osten im Ganzen, sondern nur bestimmte Regionen im Osten am Tropf hängen, wie im Westen auch. Sie ist eine Misere, gemessen am Ziel der Angleichung an den Westen, nicht aber gemessen am Ausgangspunkt der DDR-Verhältnisse.

Es ist deshalb völlig abwegig, sich darüber zu wundern, dass der Osten nicht in Flammen des Aufruhrs steht. Da braucht man weder typisch deutschen Untertanengeist noch „Duldungsstarre“ zu unterstellen. Warum nicht mal die nächstliegende Möglichkeit prüfen: Sie machen keinen Aufstand, weil sie – im Kern zufrieden sind? Was zur Duldungsstarre mystifiziert wird, ist womöglich schlicht – Zufriedenheit. Was sollten sie denn auch fordern – und von wem? Ausgabenkürzung der öffentlichen Hand? Dafür hat noch nie jemand gestreikt. Einen Arbeitsplatz für jeden vor der Haustür? Das gibt’s nirgends in der Welt. Mehr Kinder? So verrückt ist nun doch niemand. Oder sollten sie für niedrigere Sozialtransfers kämpfen? Das hat’s auch noch nie gegeben. Im Osten haben viele auch begriffen, dass die Forderung nach hundert Prozent Westlohn zur Schließung ihres Betriebes führen könnte. Da verzichten sie lieber auf etwas statt auf alles. Das ist zwar ideologisch nicht korrekt, aber sehr pragmatisch – und mir sympathisch. Sie sind nämlich keineswegs am liebsten arbeitslos.

Unbestreitbar gibt es viele Unzufriedene im Osten. Befragungen haben aber folgendes merkwürdige Ergebnis zutage gefördert. 1990 war bei den Ostdeutschen der Typ des „aktiven Realisten“ häufiger vertreten als im Westen, der nonkonformistisch-idealistische und der perspektivlos-resignierte Typ seltener. Drei Jahre später hat sich die Anzahl der perspektivlos Resignierten verdoppelt („Jammerossis“), aber zugleich die der aktiven Realisten nochmals vergrößert. Dieser gilt aber als der „modernste und zukunftsfähigste Wertetyp“.

Für das Jahr 2000 hat Klaus Schroeder sowohl Befragungen als auch Statistiken reichlich ausgewertet. Die Ergebnisse werden auch manchen Ostdeutschen überraschen. Von 1993 bis 1998 ist die Zahl der Ostdeutschen, die sagen, ihre Lebensbedingungen haben sich seit 1990 verbessert, von 48 auf knapp 60 Prozent gestiegen. Bei den Westdeutschen stieg die Zahl nur von zehn auf 20 Prozent. Gleichzeitig sank die Zahl der Ostdeutschen, die ihre Lebensverhältnisse verschlechtert sahen, von 22 Prozent auf 16 Prozent. Ergo: Die Zufriedenheit wächst.

Die Lebenszufriedenheit der Ostdeutschen erreicht, nach Lebensbereichen aufgeschlüsselt nachgefragt, etwa die westdeutschen Werte, wenn auch in verschiedenem Grade nach Altersgruppen. Aber bei den Vergleichsmaßstäben gibt es Irritationen. „Ostdeutsche sind unzufriedener als Westdeutsche, wenn sie über das gleiche Einkommen verfügen.“ Schroeders Ergebnis: „Die Ostdeutschen überschätzen auch weiterhin den westlichen Standard erheblich, während die Westdeutschen das östliche Niveau unterschätzen.“ „Insgesamt wird die eigene wirtschaftliche Lage wesentlich positiver gezeichnet als die allgemeine, ein Trend, der sich seit Beginn der Vereinigung feststellen lässt.“

Beim Vergleich der Einkommen macht Schroeder folgende Rechnung auf. Bekanntlich liegen die Einkommen im Osten ungefähr zwischen 70 und 100 Prozent West. Es gibt aber im Osten mehr Haushalte mit zwei Verdienern. Und die Superverdiener leben im Westen. Nimmt man aus der westlichen Einkommensstatistik die obersten zehn bis 20 Prozent raus, die im Osten fehlen, und vergleicht die Haushaltseinkommen der unteren westlichen 80 Prozent mit allen östlichen Haushalten, dann waren sie im Jahre 2000 in Ost und West im Durchschnitt etwa gleich. Die überraschende Rechnung ist ein brauchbares Maß für die erreichte Angleichung.

Bei den Haushaltvermögen fällt ins Gewicht, dass die Möglichkeiten zum Vermögenserwerb in 40 Jahren DDR weitaus schlechter waren als gleichzeitig in der Bundesrepublik. 1990 lag das durchschnittliche Haushaltsvermögen bei 20 Prozent des westdeutschen Wertes. 2000 war der Wert auf 42 Prozent gestiegen, zum Teil wegen der (marktbedingten) Höherbewertung von Immobilien.

Ich will das gerne an meiner Person erläutern. In der DDR mussten Grundstücke zum Einheitswert von 1937 plus/minus zehn Prozent verkauft werden. Ich habe ein Einfamilienhaus von 1937 gekauft (70 Quadratmeter Wohnfläche, 500 Quadratmeter Grundstück). Einheitswert: 11 800 Ost-Mark. Die eingebaute Zentralheizung hatte allein 6000 Ost-Mark gekostet. Mein Verkäufer, ein Rentner, der danach in den Westen ging (die DDR genehmigte so etwas, weil sie die Rente sparte), hat gesagt: „So viel, wie ein Wartburg kostet, möchte ich aber schon haben.“ Ich habe das akzeptiert und 24 000 Ost-Mark bezahlt. Das war illegal und musste geheim geschehen, sonst wäre das Geld eingezogen worden. Das Haus gehört zu einer Siedlung, in der dreihundertmal dasselbe Haus steht. Nach 1990 wurden diese Grundstücke mit 300 000 Westmark gehandelt. Ich wurde also ein Einigungsgewinnler. Dazu kam noch Folgendes. Den Hauskauf hatte ich mit Schulden bezahlt. Die wurden mit der Währungsunion halbiert. Guthaben hatte ich nur knapp 4000 Ost-Mark. Bis zu dieser Grenze wurde 1:1 umgetauscht. Da war ich schon wieder Einigungsgewinnler. Mich bedrückt das nicht so sehr, denn meine Nachbarn sind diesbezüglich auch Einigungsgewinnler. Das gibt aber niemand gern zu, denn nur wer klagt, gewinnt.

Das Geldvermögen der Haushalte hat sich im Osten bis 2000 verdoppelt, beträgt aber nur ein Drittel des westlichen Durchschnitts. Klaus Schroeder rechnet vor, dass die Haushaltsvermögen im Osten 1990 dem westlichen Stand von 1955 entsprachen, in zehn Jahren aber beim westlichen Stand von 1992 angelangt sind. Er spricht deshalb zu Recht von einer ostdeutschen Wohlstandsexplosion, was sich mit meinen unsystematischen Beobachtungen vollkommen deckt. Da diese Wohlstandsexplosion in der ersten Hälfte der 90er Jahre erfolgte, danach aber die Einkommen nur in kleinen Schritten oder gar nicht wuchsen, kann man denselben Sachverhalt auch so beschreiben: Die Einkommen im Osten stagnieren seit zehn Jahren. Diese Darstellungsversion ist für die Jammerfritzen natürlich viel geeigneter. Die durchschnittliche Verschuldung der Haushalte ist übrigens im Osten niedriger als im Westen. Auch die Kunst, mit Schulden Plus zu machen, kennt man im Osten noch nicht so ausführlich. Man ist hier gerne schuldenfrei, bisschen altmodisch, aber sympathisch, wie ich finde. Müssen wir uns diesbezüglich auch angleichen?

Aber die hohe Arbeitslosigkeit müsste doch die Ostdeutschen auf die Barrikaden bringen! Warum bricht dann nicht in westlichen Städten mit derselben hohen Arbeitslosigkeit der Aufstand aus? Die Arbeitslosigkeit ist zwar im Osten doppelt so hoch wie im Westen, aber das ist die Zahl derer, die Arbeit suchen. Im Osten ist aber die Erwerbsneigung höher als im Westen, das heißt, Frauen suchen fast durchweg einen Arbeitsplatz, und zwar einen Vollzeitjob; dies sogar häufiger als zu DDR-Zeiten, wo die Teilzeitarbeit bei Frauen verbreiteter war als heute. Die Beschäftigtenquote, also der Anteil derjenigen an der Gesamtbevölkerung, die einen Arbeitsplatz haben, liegt im Westen bei 45, im Osten bei 43 Prozent, aber ist zum Beispiel in Thüringen höher als in Nordrhein-Westfalen. Bei den Arbeitslosenzahlen muss immer bedacht werden, dass fortwährend 18 Prozent doch nicht fortwährend dieselben betrifft. Für die meisten ist Arbeitslosigkeit eine verlängerte Arbeitsplatzsuche. Langzeitarbeitslosigkeit (das heißt mehr als ein Jahr) betrifft wohl etwa ein Drittel. Die Zahl variiert in verschiedenen Quellen wegen verschiedener Berechnungsmethoden. Unter den Langzeitarbeitslosen steigt aber die Zahl derer, die keinen Berufsabschluss oder sogar keinen Schulabschluss haben. Die anderen haben sich nämlich bewegt, oft in Deutschlands Süden. Das alles sage ich nicht zur Verharmlosung der Arbeitslosigkeit, sondern zur Korrektur des Eindrucks, im Osten seien 18 Prozent der Bevölkerung etwa gar zehn Jahre ohne Arbeit. Im Osten gibt es eine „Unternehmenslücke“ und deshalb eine „Arbeitsplatzlücke“.

Man muss nicht auf Charakterfehler oder Untertanengeist rekurrieren, um zu verstehen, warum im Osten nicht der Aufstand tobt. Die Ostdeutschen finden die Lage im Osten schlimm, ihre persönliche aber ganz passabel oder gut, und deshalb sind sie zum Aufstand nicht hinreichend motiviert. Hat jemand daran etwas auszusetzen? Übrigens: Die durchschnittliche Lebenserwartung ist um fünf Jahre gestiegen, das heißt doppelt so stark wie gleichzeitig im Westen, und liegt nun nur wenige Monate hinter den westdeutschen Werten. Wen es betrifft, der weiß natürlich ganz genau, welche medizinischen Hilfen ihm heute zur Verfügung stehen, die es in der DDR nur im Regierungskrankenhaus gab. Auch auf diesem Gebiet bin ich mit einer künstlichen Hüfte ein Einigungsgewinnler. Viele andere auch, sie sagen es aber nicht.

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