Meinung : BMW: Ein Signal für den Osten

Von solchen Nachrichten lässt sich der Bundeskanzler gerne im Urlaub aufschrecken: Die neue BMW-Fabrik wird in Leipzig gebaut und nicht in Tschechien oder Frankreich. Und Gerhard Schröder lässt aus Italien vermelden, er erkenne in der Investitionsentscheidung "ein klares Zukunftssignal für Ostdeutschland". Ein Autowerk, und schon blüht ein ganzes Land? Natürlich nicht. Aber Leipzig hat mehr als 250 Mitbewerber in ganz Europa abgehängt, die sich um das Werk des Münchener Autoherstellers beworben hatten. Nun werden in der sächsischen Stadt Milliarden investiert und in wenigen Jahren rund 10 000 Personen in der neuen Fabrik und für die Lieferanten arbeiten. Zweifellos ein großer Wurf für die Region und eine gute Nachricht für ganz Ostdeutschland: Der Osten kippt nicht ab, der Osten ist ein hervorragender Investitionsstandort mit einer Top-Infrastruktur, qualifizierten und motivierten Arbeitnehmern und einer attraktiven geografischen Lage in der Mitte Europas.

Die Entscheidung des BMW-Managements ist der Höhepunkt einer Reihe von Investitionen der Autoindustrie in Ostdeutschland. Bereits kurz nach der Wende baute VW in Mosel bei Zwickau ein Werk für den Golf auf. Im thüringischen Eisenach stellte sich Opel das produktivste Autowerk Europas auf die grüne Wiese. Die Konzerne knüpften dabei an Traditionen an: Um die Jahrhundertwende wurde in Sachsen und Thüringen von Horch und Wartburg Automobilgeschichte geschrieben. Diese Tradition hat weitere Entscheidungen mit beeinflusst: Gegenwärtig stellt VW in Dresden die so genannte Gläserne Manufaktur auf - ein Autowerk zum Zugucken und mit Eventbereich; im nächsten Jahr soll dort die Luxuslimousine D1 von den ersten Kunden abgeholt werden. Und schließlich kommt der neue Porsche-Geländewagen Ende des Jahres aus einer Fabrik in Leipzig. Porsche-Chef Wendelin Wiedeking begründete die Präferenz für Leipzig übrigens mit Imagegründen: Als Hersteller von exklusiven Sportwagen setze er auf Qualitätsarbeit "Made in Germany".

In Deutschland hängt fast jeder siebte Arbeitsplatz direkt oder mittelbar vom Auto ab. Deutschland ist nicht nur eine Autofahrernation. Die in Deutschland ansässigen Hersteller sind die weltweit innovativsten und erfolgreichsten. Trotz der vergleichsweise hohen Löhne. In der Globalisierung bekommt allerdings der Standortwettbewerb eine neue Gewichtung. Die weltweit tätigen Konzerne stehen, grob gesagt, vor einer schlichten Alternative: Entweder bestehen sie im Wettbewerb, indem sie bei den Kosten, und das heißt nicht zuletzt bei den Personalkosten, ansetzen, oder aber sie schlagen die Konkurrenz durch bessere Technologie, schnellere Innovation und höhere Produktivität.

In den letzten Jahren entschieden sich Mercedes und BMW für die erste Variante und bauten Werke für neue Gelände- und Sportwagen in den USA. Mit durchwachsenem Ergebnis: Die Anlaufschwierigkeiten waren enorm, mit großem Aufwand mussten Verarbeitungsmängel korrigiert werden. Schätzungen zufolge wird noch heute jedes Exemplar der aus den USA stammenden Mercedes-M-Klasse für 4000 bis 5000 Mark nachgerüstet. Dann doch lieber nach Leipzig und Dresden - haben sich jedenfalls Porsche, VW und nun BMW gesagt. Die internationalen Konzerne handeln gewiss nicht aus Patriotismus oder zum Wohlgefallen ihres Autokanzlers. Für Ostdeutschland haben vielmehr gute und quantifizierbare Argumente den Ausschlag gegeben. Diese Argumente sollten sich rumsprechen - dann kann die Großinvestition von BMW wirklich Signalwirkung entfalten.

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