Böhmer über Kindsmorde im Osten : Zu viel Blick zurück

Schönbohms und Böhmers Fragen können Soziologen und Psychologen beantworten, Politiker sollten sich auf ihr Handwerk besinnen. Sollte die DDR ethische Wüsten hinterlassen haben, ist 20 Jahre etwas falsch gelaufen.

Andrea Dernbach

Als Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm vor nicht ganz drei Jahren im Tagesspiegel die „erzwungene Proletarisierung“ in der DDR dafür verantwortlich machte, dass im Osten mehr Säuglinge getötet werden als im Westen, da antwortete im großen Chor der Empörung auch sein CDU-Parteifreund Wolfgang Böhmer: „Ich sehe keinen Grund, zwischen der Kollektivierung der Landwirtschaft und dem Umbringen eigener Kinder einen Zusammenhang zu finden.“ Eben jener Wolfgang Böhmer, der jetzt doch einen Link zur DDR entdeckt hat: Im Osten gebe es eine „leichtfertigere Einstellung zum werdenden Leben“, weil dort Abtreibungen in den ersten drei Monaten legal waren und die Frauen dafür keiner Behörde eine Erklärung schuldeten.

Man kann sich nun fragen, was den Sinneswandel des gelernten Gynäkologen bewirkt hat, ob er amtsmüde ist – schließlich ist Böhmer Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, nicht im Westen –, ob er recht hat oder, wie die FDP-Landeschefin Pieper ihm vorhält, Humbug redet. Man kann ihm auch zugute halten, dass er ja vom Abtreibungsparagrafen und nicht von LPGs redet. Und man darf sich auch darüber aufregen, dass er die Tötung von Säuglingen moralisch auf eine Stufe mit Schwangerschaftsabbrüchen setzt und meint, bevormundete Frauen würden lieber Mütter.

Man kann es aber auch lassen. Schönbohms und Böhmers Fragen können Soziologen und Psychologen beantworten, Politiker sollten sich auf ihr Handwerk besinnen. Und das ist nicht nostalgische oder zornige Rückschau, sondern geduldiges Bretterbohren hier und jetzt. Die DDR ist vor bald 20 Jahren ruhmlos untergegangen, sollte sie ethische Wüsten hinterlassen haben, die bis heute brachliegen, dann ist 20 Jahre lang etwas schiefgelaufen. Denn natürlich kann der Staat Müttern vor und nach der Geburt helfen und muss die, für die ein Kind das Gegenteil der rosaroten Idylle aus der Windelwerbung bedeutet, nicht einsamer Verzweiflung überlassen. Die Familienministerin hat das verstanden.

Und klug wäre es dann zu akzeptieren, dass Politik nicht jede Kindstötung verhindern kann. Die DDR konnte das nicht, das wiedervereinigte Deutschland wird es auch nicht können.

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