Bohrunglück : Kein Klempner würde so einen Unsinn installieren

Bei dem Bohrunglück vor der US-Küste hat die Technik versagt. Dabei gibt es ähnliche Katastrophen, aus denen man hätte lernen können.

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Im Golf von Mexiko strömen seit dem Untergang der BP-Bohrinsel „Deepwater Horizon“ am 22. April etwa 685 Tonnen (800 000 Liter) Rohöl pro Tag ins Meer. Bei der schweren Havarie des Öltankers Exxon Valdez vor Alaska im Jahre 1989 liefen rund 40 000 Tonnen aus. In sechs Wochen wird „Deepwater Horizon“ also die berüchtigte Exxon Valdez als Ölpest-Verursacher überholt haben.

Wie viele Tonnen tatsächlich in 1522 Metern Tiefe aus dem Bohrloch „Mississippi Canyon 252“ strömen, weiß allerdings niemand. Die Angaben sind grob geschätzt, erst im Laufe dieser Woche soll eine Druckmessung genauere Daten liefern. Vollkommen unklar ist, wie und wann das Loch gestopft werden kann – man hat den Eindruck, das Sinken einer schwimmenden Bohrplattform war in den Notfallplänen des Ölgiganten BP nicht vorgesehen.

Dabei gibt es ähnliche Katastrophen, aus denen man hätte lernen können. Im Juni 1979 explodierte, ebenfalls im Golf von Mexiko, die Mexikanische Bohrinsel „IXTOC 1“; mindestens 400 000 Tonnen Rohöl verursachten die zweitschwerste Ölpest nach dem Golfkrieg von 1991. Im August 2009 brannte die Bohrinsel „Montara“ nördlich von Australien, erst nach 10 Wochen konnte das ausströmende Öl gestoppt werden.

In allen drei Fällen handelte es sich um Probebohrungen, bei denen das Bohrloch noch nicht mit Beton eingefasst war. In allen drei Fällen lag das Problem beim „Blowout Preventer“ (BOP), dem Sicherheitsventil am Meeresgrund. Beim Montara-Unglück war der BOP noch nicht fertig installiert. Bei der „IXTOC 1“ hielt der BOP dem enormen Öl- und Gasdruck nicht stand und musste wieder geöffnet werden, sonst wäre er geplatzt und noch mehr Öl wäre ausgeströmt. Der BOP der „Deepwater Horizon“ im Golf von Mexiko lässt sich, aus unbekannten Gründen, nicht schließen.

Die Sicherheitsphilosophie bei Hochseebohrinseln ist einfach: Der einzige Schutz gegen Ölaustritt ist der BOP. Bei der „Deepwater Horizon“ ist das Stahlventil 300 Tonnen schwer und 15 Meter hoch. Bei Störungen verschließen in drei Etagen paarweise gegenüberliegende, hydraulische Schieber das 48 Zentimeter dicke Förderrohr. Seit der IXTOC-Havarie wurden die Anforderungen erhöht. Die neuesten BOPs halten einem Öldruck von 3500 Atmosphären Stand, funktionieren in Tiefen bis 4600 Meter und bei Temperaturen bis 260 Grad.

Die „Deepwater Horizon“ war angeblich mit dem neuesten BOP des Branchenführers Cameron ausgerüstet. Warum die Fernsteuerung von der Oberfläche versagte (oder nach der Explosion nicht ausgelöst wurde), ist unklar. Auch die direkte Bedienung der sechs Schieber durch ferngesteuerte U-Boote funktionierte nicht – möglicherweise ist die Hydraulik defekt oder das Förderrohr von innen blockiert.

Einen „Plan B“ für diesen Fall gibt es nicht. BP will in den kommenden Wochen eine Glocke über das Rohr stülpen und damit das Öl absaugen; das primitive Verfahren wurde jedoch bisher nur in geringer Tiefe getestet. Eventuell soll auch ein zweiter BOP aufgesetzt werden. Dazu müsste aber über dem defekten BOP das Steigrohr abgesägt werden, das abgeknickt ist und deshalb den Ölaustritt begrenzt. Falls die geplante Druckmessung hohe Werte ergibt, ist das Absägen des Steigrohrs zu gefährlich.

Im schlimmsten Fall könnte auch das Bohrloch selbst beschädigt sein, sodass das Öl am BOP vorbei strömt. Dann bleibt nur noch eine zweite Bohrung, durch die das defekte Bohrloch in der Tiefe mit Beton verstopft wird. Die erste Bohrung über 1000 Meter unter dem Meeresboden seitlich zu treffen, ist extrem schwierig. Beim Montara-Unglück klappte das schließlich nach vielen Versuchen. BP will gleich drei Bohrversuche gleichzeitig unternehmen, um die Erfolgschancen zu erhöhen. Mit viel Glück könnte das Loch dann in zwei bis drei Monaten verstopft werden.

Die Lage gleicht einem Wasserrohrbruch, wenn der Eckhahn klemmt und weder im Keller noch in der Kanalisation Notabsperrungen existieren – kein Klempner würde so einen Unsinn installieren. Das Sicherheitskonzept der Offshore-Ölförderung muss dringend überarbeitet werden.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle.

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