Bombodrom : Unhaltbare Stellung

Warum die Entscheidung gegen das Bombodrom weder mutig war, noch Tadel verdient - und doch eine Kapitulation war.

Robert Birnbaum

Es ist vielleicht ein bisschen viel verlangt von Franz Josef Jung, dass er eine Niederlage eingestehen soll; eine Niederlage bleibt es doch. Eineinhalb Jahrzehnte haben Jung und seine Vorgänger im Verteidigungsministerium versucht, gegen den Widerstand praktisch der gesamten Region das „Bombodrom“ Wittstock durchzusetzen. Jetzt räumt Jung das Schlachtfeld. Er räumt es nicht freiwillig. Die Stellung war nicht mehr zu halten.

Bewirkt haben den Sinneswandel eine Mischung aus militärisch-sachlichen und politischen Umständen. Militärfachlich gelten die Argumente der Luftwaffe für den Luft-Boden-Schießplatz heute mehr denn je – und morgen sogar noch mehr. Wenn die Entwicklungen in Afghanistan etwas zeigen, dann, dass die gezielte Unterstützung von Bodentruppen aus der Luft auch im 21. Jahrhundert im Wortsinn überlebenswichtig ist. Die Bundeswehr im Isaf-Einsatz muss sich dafür derzeit komplett auf die Amerikaner verlassen; das ist auf Dauer kein guter Zustand.

Schon aus fachlicher Sicht sprach also alles dafür, am Bombodrom – nicht festzuhalten. Denn selbst im günstigsten Fall – das Bundesverwaltungsgericht gibt einer Revision der Bundeswehr statt, der Fall muss neu vors Oberverwaltungsgericht – wären noch einmal Jahre vergangen. Wahrscheinlicher schien aber der ungünstige Fall. So oder so musste Abhilfe her, und zwar jetzt. Die soll nun im Ausland geschaffen werden, Italien, USA, wo auch immer.

Politisch hat den Sinneswandel ein Umstand beschleunigt, für den exemplarisch das Votum des Bundestages steht, der mehrheitlich die Bedenken der Bürger der Bombodrom-Region für berechtigt erklärt. Man kann diese Entwicklung in den schlichten Satz fassen: Die Politik war des Zanks müde, und zwar parteiübergreifend. Nach der Anti-Atom-Bewegung hat keine Bürgerinitiative mehr derart zäh für ihre Sache gekämpft; so etwas lässt auf Dauer auch Parlamentarier nicht gleichgültig. Das Ende des Bombodroms ist eine Verbeugung vor dieser Hartnäckigkeit.

Die Sache hat allerdings einen Beigeschmack, und der rührt nicht nur daher, dass in Wahljahren Abgeordnete bereitwilliger als sonst auf Bürger hören. Er hat etwas mit dem Objekt des Streits selbst zu tun. Das Bombodrom steht, der Spitzname lässt das anklingen, für eine besonders hässliche Realität des Militärischen. Dagegen zu sein, ist eine relativ wohlfeile Art, auf Distanz zum Kriegerischen zu gehen, ohne dass man damit gleich die Bündnistreue infrage stellt.

Wohlfeil ist auch die Begeisterung, mit der jetzt Koalitionspolitiker gleich welcher Parteifarbe sich auf blühenden Tourismus in brandenburgisch-mecklenburger Heidelandschaft vorfreuen. Den Kampf für das Bombodrom haben sozial- genauso wie christdemokratische Verteidigungsminister geführt. Dass der Christdemokrat Jung kapituliert, ist quasi Zufall.

Eine Kapitulation bleibt es. Die Entscheidung dafür hat keinen Tadel verdient; dafür war sie zu unausweichlich. Sie hat aber auch keinen Mut verlangt. Dafür war sie erst recht zu unausweichlich.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben