BP-Ölpest : Wir kleinen Menschen

Wie katastrophal die Auswirkungen der Ölpest im Golf von Mexiko sind, ist relativ. Für einen Diskurs um Angst, Schuld und den geschundenen Planeten ist die Deepwater-Explosion schwer verwertbar.

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20. April 2010: Die 80 Kilometer vor der Küste des US-Bundesstaats Louisiana gelegene Förderplattform "Deepwater Horizon" explodiert, elf Arbeiter sterben.Weitere Bilder anzeigen
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19.04.2011 13:0120. April 2010: Die 80 Kilometer vor der Küste des US-Bundesstaats Louisiana gelegene Förderplattform "Deepwater Horizon"...

Abgedeckt ist das Leck im Meeresboden. Zu und versiegelt. Nach hundertsieben Tagen des ununterbrochenen Ausfließens von Öl im Golf von Mexiko hatten sich Fernsehende auf allen Kontinenten schon an die Szenen gewöhnt, die von der Explosion der Plattform „Deepwater Horizon“ des Konzerns British Petroleum verursacht worden waren. Klebrige, braunglänzende Masse schwappte ins Schilf an der Küste, verendende Pelikane und Möwen spreizten ihre Flügel, von denen keine Feder weiß geblieben war. Verschwommene Daueraufnahmen einer Unterwasserkamera führten vor, wie irgendwo in zweitausend Metern Tiefe die Millionen Liter Rohöl strömten und strömten. Das war, als sehe man hilflos dem Ausbluten eines Riesenlebewesens zu.

Kaum saß allerdings vor vierzehn Tagen der Zementdeckel provisorisch auf dem Bohrloch, da lösten sich die Ölteppiche auf der Meeresoberfläche auch schon auf. Starke Selbstreinigungskräfte des Ozeans seien am Werk, erklären jetzt die erstaunten Experten der amerikanischen Klima- und Ozeanbehörde der ebenso erstaunten Öffentlichkeit. Folgt auf die menschengemachte Naturkatastrophe ein im Wortsinn waschechtes Naturwunder? Sicher, die Pelikane werden nicht mehr lebendig. Aber das Meer scheint sich doch rasch zu erholen.

Hätte man sich das Katastrophengeschrei also sparen können, die Warnungen vor dem Ende von Fischfang, Tourismus und dem ganzen Geschäft des Bohrens auf offener See? Wie schlimm war die Katastrophe denn nun – in Wirklichkeit? Wurde einfach zu laut geschrieen bei dieser bisher schlimmsten Ölpest, über Gier, Kapital und Hybris, Sparen, Stoppen und Umdenken?

Und was ist überhaupt eine Katastrophe? Schließlich kennt auch die unberührte Natur Öllecks am Meeresgrund. Auch ganz ohne menschliche Aktivität kommt es zu Überflutungen und Erdbeben, zu Vulkanausbrüchen und Waldbränden – die sogar die Böden düngen. Womöglich, werfen Skeptiker ein, überschätzen die kleinen Menschen auf der großen Erde ihren Einfluss auf Klima und Meere und Artenvielfalt maßlos. Vielleicht neigen sie zu selbst beschuldigenden Übertreibungen und konstruieren ihre Sünde wider die Schöpfung selber, in ihrer postmodernen, medial vermittelten Öko-Religion.

Gerade Medien und Umweltschützer greifen gern zu schwerem Sprachgeschütz beim Beschreiben solcher Vorgänge. Immerhin arbeitet ja schon die Alltagssprache inflationär mit Superlativen. Das gute Essen ist „fantastisch“, der Stau auf der Autobahn war „total grauenvoll“, die verpasste Torchance ein „absolutes Desaster“. Umso größer wird die sprachliche Herausforderung angesichts eines realen Desasters. Umso weniger spektakulär, nachgerade enttäuschend, wirken die Erklärungen, die Meeresbiologen, Ozeanografen und Klimaforscher jetzt zu geben haben. Sie sagen: Es kommt drauf an.

Wie katastrophal die Sache liegt, ist relativ. Es kommt darauf an, welches Öl ausrinnt, wie weit von der Küste entfernt, bei welchen Temperaturen, von welchen Bakterien zersetzbar, um welche Jahreszeit. Im aktuellen Fall beschleunigen offenbar sommerlicher Sturm und warmes Wetter den Gesundungsprozess. In der Arktis und bei Windstille sähe es anders aus – es kommt eben drauf an. Was jetzt mit dem Öl in der Tiefe passiert, bei weniger Licht, Sauerstoff, Wärme, Bakterien, das müsse man abwarten, das wisse man noch nicht. Sagen Experten.

Aus all diesen Aussagen nun lässt sich weniger leicht alarmistische Propaganda herausdestillieren. Für einen Diskurs um Angst und Schuld, die sinkende Arche, den geschundenen Planeten, die geschändete Schöpfung bleiben die Aussagen schwer verwertbar. Dagegen frohlockt die Fraktion der Entwarner. Das ist Öl auf ihre Mühlen. Sie sehen in der Sorge der Ökos antikapitalistische Hysterie oder mythelnde Biopolitik, im munteren Weiterbohren mehr Chance als Schande. So einfach liegt der Fall aber auch nicht. Denn: Es kommt drauf an. Auf das Risiko, das jeweils eingegangen wird.

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