• Brandenburgs Ministerpräsident tritt zurück: Matthias Platzeck: Wenn die Kraft nicht mehr reicht

Brandenburgs Ministerpräsident tritt zurück : Matthias Platzeck: Wenn die Kraft nicht mehr reicht

Er war stets einer, der Menschen mitnehmen kann, ihre Sorgen versteht und Ängste ernst nimmt: Seit 2002 hat Matthias Platzeck in Brandenburg regiert, jetzt hat ihn die Kraft verlassen. Er übergibt seinem Nachfolger ein neues Brandenburg - das immer noch im Umbruch ist.

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Matthias Platzeck
Matthias PlatzeckFoto: dpa

Mit ganzer Kraft, so sagte Matthias Platzeck, wolle er sich nun dem Land Brandenburg widmen. Die Kraft war begrenzt, das wusste jeder 2006, als der Hoffnungsträger nach mehreren Hörstürzen und Kreislaufkollaps nach 146 Tagen als SPD-Chef zurücktrat. Nun also reicht die Kraft auch nicht mehr für das Land, das er seit 2002 regiert.

Mit Schippe und Harke war er kraftvoll angetreten, vor 25 Jahren, als er mit anderen SED-Oppositionellen gegen den Verfall des Belvedere auf dem Potsdamer Pfingstberg kämpfte. Das war der Beginn einer Politkarriere, in der Platzeck auf vielfältige Weise sein Brandenburg umgrub und neu formte – vom runden Tisch nach dem Mauerfall bis zum Knochenjob als Potsdamer Oberbürgermeister, wo er mit dem Kulturwandel auch die Wurzeln für den Erfolg als strahlende Landeshauptstadt legte. Als kraftstrotzender Deichgraf kämpfte er 1997 unermüdlich gegen die Oderflut. Er war einer, der Menschen mitnehmen kann, ihre Sorgen versteht und Ängste ernst nimmt.

Anders als sein Vorgänger Manfred Stolpe steht Platzeck ohne jeden Schatten für ein neues Brandenburg. Er hat das Land, erst entstanden nach der Wiedervereinigung, herausgeholt aus der fatal-beengten Ecke einer „kleinen DDR“, wie Stolpe das fragile Gebilde zur Identitätsbildung einst nannte. Platzeck führte Brandenburg in eine selbstverständliche Normalität – er löste sich von der großspurig-illusionären Strategie einer teuren dezentralen industriellen Entwicklung seines Vorgängers und hörte auf, die dramatischen Wirkungen der Entvölkerung an den Randgebieten mit weißer Salbe zu beschmieren, sondern brachte einen Umbau des Landes hin zum Gravitationszentrum Berlin auf den Weg. Dass er gegenüber einem neuen Anlauf zur Länderfusion mit Berlin ewig skeptisch blieb, war Ausdruck seines Gespürs für die Stimmungslage zwischen Elbe und Oder.

Manchem war er zu zögerlich abwägend oder zu wohlwollend vertrauensvoll. Das hat ihn nicht am Wagnis gehindert, ausgerechnet als ehemaliger DDR- Oppositioneller die Linkspartei 2009 in eine Koalition einzubinden. Die Rechnung ging auf, weil es der Linkspartei, die die schwierige finanzielle Konsolidierung des Landes mit Stellenstreichungen und Kürzungen mittragen musste, den Protestpartei-Bonus kostete. Getäuscht hatte sich Platzeck freilich darin, wie viel stasibelastete Vergangenheit anfangs noch im Partner steckte. Das hat ihn ebenso beschädigt wie sein unbedingtes Vertrauen in seinen engsten Begleiter Rainer Speer, der über dubiose Amtsführung und Vermischung mit privaten Angelegenheiten stürzte.

Platzeck übergibt ein Land, das immer noch im Umbruch ist: Die Landflucht der Jüngeren geht weiter, und der Aufbau einer neuen Infrastruktur, die Antworten gibt auf die Entvölkerung vieler Dörfer, hat erst begonnen. Die Zukunft der alten Technologie, des Kohletagebaus in der Lausitz, ist ebenso ungewiss, wie es bei der kriselnden Solarindustrie die Chancen der neuen Technologie sind. Und beim Pannenflughafen BER in Schönefeld hat Platzeck nicht immer glücklich agiert und als Aufsichtsrat manches, etwa den skandalösen Umgang der Flughafengesellschaft mit dem Lärmschutz, zu lange mitgetragen. Kraft hat es ihn auch gekostet, als Aufsichtsratschef mit Hartmut Mehdorn einen neuen Geschäftsführer installiert zu haben, was dem Projekt bislang nicht die erhoffte Ruhe und Schwung für einen Neustart brachte.

Es gehört zu Platzecks Verständnis von Ehrlichkeit gegenüber den Wählern, nicht als die alle Konkurrenten überragende Identifikationsfigur bis zur Landtagswahl 2014 weiterzumachen, um danach abzutreten. Die SPD trifft das ziemlich unvorbereitet. Innenminister Dietmar Woidke, der voraussichtliche Nachfolger, muss noch nachweisen, dass er mehr als ein solider Handwerker des Machtbetriebs ist. Der Landwirt Woidke weiß, dass vor dem Ernten das Pflügen kommt. Das gilt auch für das Land, vor allem für die schwierigste Aufgabe, das größte Infrastrukturprojekt Ostdeutschlands, den BER, zum Fliegen zu bekommen. Mit ganzer Kraft.

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