Meinung : Brief an den Vater

Zur Berichterstattung über das Buch von Walter Kohl

Es ist hart, was Kohl jun. vs. Kohl sen. vorbringt. Es dürfte aber bestätigen, was viele schon ahnten, dass sich die menschlichen Qualitäten des „Kanzlers der Einheit“ in Grenzen halten. Wie kaum ein anderer im Westen hat Kohl den Veränderungen im Osten politisch alles zu verdanken. Ohne sie wäre er von den eigenen CDU-Leuten weggeputscht und vom eigenen (West)-Volk abgewählt worden. In den ersten Jahren der Einheit hat man sich gefragt: Wenn schon CDU, warum Kohl und nicht Richard von Weizsäcker, der alles hat, was Kohl fehlte; staatsmännisches Auftreten, kluges und besonnenes Handeln und Reden? Es scheint ohnehin so, dass mit Kohl eine neue Generation von Kanzlern antrat: Hatte man bei Brandt noch das Gefühl, hier fühlt sich jemand einer humanistischen Mission verpflichtet, und bei Schmidt, hier ist einer von hanseatischer Pflichterfüllung beseelt und dem Grundsatz „mehr sein als scheinen“, sind die Kanzler mit und nach Kohl offenbar nur mit einer Mission unterwegs, nämlich der eigenen und dem Streben nach Karriere. (Mit Fischer und Westerwelle gehören auch zwei Vizekanzler in diese Kategorie.) Vorbei die Zeiten, da man zu Spitzenpolitikern aufschauen konnte, weil man wusste, man hat es auch mit einer moralischen Elite zu tun. Mit Blick auf die Abrechnung von Kohl jun. mit Kohl sen. können Schröder und Merkel froh sein, keine leiblichen Kinder zu haben.

Olaf Stephan, Berlin-Altglienicke

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