Broders Kolumne : Apostel im Chatroom

Mindestens 90 Prozent der Inhalte, die im Internet verbreitet werden, sind Abfall, Dreck und Schrott. Dass fast jeder einen Zugang zum Internet hat, ist Fluch wie Segen.

Henryk M. Broder
Henryk Broder
Henryk M. Broder, "Spiegel"-Reporter, Blogger und regelmäßiger Gastkommentator beim Tagesspiegel.Foto: privat

Ich bin von der Möglichkeit fasziniert, Raum und Zeit zu überschreiten, in einem Cafe in Boston, unter einem Gletscher auf Island oder einer Hotellobby in Ljubljana zu sitzen und zu schreiben, ohne mir darüber Gedanken machen zu müssen, wie das Geschriebene zum Leser, zum Empfänger kommt. Meine 21 Jahre alte Tochter hat keine Vorstellung, wie man ohne Handy, ohne E-Mail und ohne Computer leben konnte. Ich dagegen kann mich noch gut daran erinnern, wie mühsam es in den 50er Jahren war, ein „Ferngespräch“ von Kattowitz nach Krakau zu organisieren, dass man das Fernamt bemühen und stundenlang warten musste, bis es zustande kam, um nach wenigen Sekunden zu kollabieren.

Ich kann mich auch noch gut erinnern, wie es in den 80er Jahren war, als ich in Jerusalem lebte und von dort für deutsche Zeitungen schrieb. Ich musste mit meinen Manuskripten zum Telegrafenamt, wo sie von Hand in eine Telexmaschine eingegeben wurden, dann raste ich nach Hause und wartete auf den erlösenden Anruf, dass der Text angekommen war. Oder auch nicht. In diesem Fall musste ich wieder zum Telegrafenamt.

Das alles ist gerade 20 Jahre her. Wir wissen, was sich alles in den letzten 20 Jahren geändert hat, dennoch können wir es uns nicht vorstellen, was sich in den kommenden 20 Jahren ändern wird.

Das Feuer und das Rad sind Entdeckungen bzw. Erfindungen, denen die Menschheit so gut wie alles verdankt, vom römischen Kampfwagen bis zum VW Golf, vom Spanferkel bis zur Mikrowelle. Ohne die Erfindung der Null gäbe es kein Dezimalsystem und keine Digitaltechnik. Kopernikus, Kepler und Galileo haben die Erde auf die richtige Umlaufbahn gebracht, Einstein hat mit der Relativitätstheorie das Verhältnis von Raum und Zeit neu geordnet. Und jetzt das Internet, die wichtigste Erfindung seit Gutenberg. Ohne Gutenberg kein Luther, aber auch kein Kant, kein Hegel, kein Marx und kein Johannes Mario Simmel. Buchdruck und Internet haben vieles gemeinsam. Beide Erfindungen sind Hohlkörper, die mit Inhalt gefüllt werden müssen. So wie sie ein Messer dazu benutzen können, Brot zu schneiden oder ihren Nachbarn umzubringen, so sind auch Bücher und das Internet nur Werkzeuge, die erst in der Hand ihrer Benutzer zu etwas Gutem oder etwas Schlechtem mutieren.

Man kann Hitlers „Mein Kampf“ auf derselben Maschine drucken wie das Grundgesetz; die Rassentheorie von Arthur de Gobineau kommt aus demselben Setzkasten wie Henry David Thoreaus Streitschrift „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“. So verhält es sich auch mit dem Internet. Es wird von iranischen und chinesischen Bürgerrechtlern ebenso benutzt wie von pädophilen Bildersammlern und Drogenhändlern.

Brauchten Verschwörungstheorien wie die „Protokolle der Weisen von Zion“ früher Jahre, um sich zu verbreiten, dauert es heute nur wenige Minuten, bis die Welt erfährt, dass die Anschläge von 9/11 vom CIA in Zusammenarbeit mit dem Mossad inszeniert wurden, um der arabischen Sache einen Schaden zuzufügen.

Mindestens 90 Prozent der Inhalte, die im Internet verbreitet werden, sind Abfall, Dreck und Schrott. Dass praktisch jeder, der einen Computer bedienen kann, auch Zugang zum Internet hat, ist Segen und Fluch zugleich. Man kann dagegen nichts machen, es sei denn, man fordert die Einführung einer Zensurbehörde, was in jedem Fall noch schlimmer wäre.

Es ist gut, dass es das Internet früher nicht gegeben hat. Hätte Jesus schon eine Homepage gehabt, wären die Apostel nicht zum Abendmahl zusammengekommen, sie hätten sich in einem Chatroom getroffen. Es ist gut, dass es das Internet heute gibt. Was daraus wird, hängt von uns ab, den Kindern von Gutenberg und Luther, Moses Mendelssohn und Hannah Arendt, Erasmus von Rotterdam und Adam Smith, Theodor Herzl und Heinrich Heine, Mark Twain und Halldór Laxness.

Der Autor ist Reporter beim „Spiegel“. Der Text basiert auf

einer Videobotschaft an die

Teilnehmer der Zukunftswerkstatt „Kirche im Aufbruch“ der EKD.

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