Meinung : BSE: Der Virus des Vergessens

Dagmar Dehmer

So genau haben es die meisten Verbraucher gar nicht wissen wollen. Die periodisch wiederkehrenden Lebensmittelskandale - von Fadenwürmern im Fisch bis zu Dioxin im Hähnchen - vermochten die so genannte gute fachliche Praxis in der landwirtschaftlichen Produktion nicht in Frage zu stellen. Doch der Rinderwahn hat diese für alle Seiten bequeme Ignoranz kurzzeitig außer Kraft gesetzt. Die Vorstellung, dass Rindfleisch eine tödliche Gefahr sein könnte, verdarb den meisten den Appetit. In den ersten zwei, drei Monaten der Krise verzichteten so viele Verbraucher auf ihr gewohntes Steak, dass sich viele Rinderzüchter vor dem Ruin sahen. Und plötzlich mussten sie sich auch noch unangenehme Fragen gefallen lassen. Etwa, womit sie ihr Vieh eigentlich füttern. Oder, warum sich aus jedem Dreck noch Futtermittel herstellen ließen.

Inzwischen liegt der Rindfleischverbrauch wieder bei etwa 80 Prozent des Niveaus vor der BSE-Krise. Der Alltag ist zurückgekehrt. Noch immer ist nur eine Minderheit der Verbraucher bereit, mehr Geld für gute Lebensmittel auszugeben. Die anonyme Ware aus den Discount-Läden erobert sich ihre Marktanteile zurück.

Zum Thema Rückblick: Der Beginn der BSE-Krise in Deutschland Trotzdem hat sich etwas verändert. Nachdem der erste Boom abgeflaut ist, können sich die Öko-Bauern noch immer über einen größeren Kundenstamm freuen. Zumindest bei einer wachsenden Minderheit hat die BSE-Krise mehr ausgelöst als nur eine kurze Ekel-Attacke. Diese Verbrauchergruppe legt Wert darauf, ob Fleisch, Getreide, Obst und Gemüse umweltverträglich erzeugt werden. Sie wollen für die Massentierhaltung, die die BSE-Krise erst möglich gemacht hat, nicht weiter verantwortlich sein. Ob aus dieser Minderheit langfristig eine Mehrheit werden kann, hängt davon ab, wie erfolgreich das zentrale Ökosiegel sein wird, das Verbraucherschutzministerin Renate Künast in diesem Herbst einführen will. Hat es Erfolg, steigt die Produktion - und sinken die Preise. Die sind für viele Verbraucher noch immer das entscheidende Argument.

In Folge der BSE-Krise ist der Verbraucherschutz erstmals in Deutschland zu einem ernst zu nehmenden politischen Thema geworden. Und tatsächlich ist viel unternommen worden, damit Rindfleisch nicht mehr als Bedrohung für die Gesundheit, sondern wieder als Nahrungsmittel wahrgenommen wird. Damit ist es allerdings noch lange nicht getan. Es gibt zwar eine Lebensmittelkontrolle, die zumindest dafür sorgt, dass Konsumenten nicht vorsätzlich vergiftet werden. Aber die Aufgaben dieser Kontrollbehörden werden immer komplexer. Schon heute finden sich viele Bestandteile in Nahrungsmitteln, die dort eigentlich nicht rein gehören. Die Produktion von Aromastoffen und von Stabilisatoren in Fertigprodukten ist zu einem lukrativen Geschäftsfeld gewachsen.

Damit nicht genug. Mit dem so genannten Functional Food drängen auch Produkte in die Supermarkt-Regale, die Menschen nicht nur sättigen, sondern sogar gesund machen sollen. Diese Medikamente in Nahrungsmittelgestalt unterliegen einem weit weniger aufwendigen Genehmigungsverfahren als tatsächliche Arzneien. Ihre Nebenwirkungen werden erst dann offenbar, wenn der groß angelegte Feldversuch mit Millionen Konsumenten längst angelaufen ist.

Es geht beim Verbraucherschutz also keineswegs nur darum, die Produktion von Lebensmitteln umweltverträglicher zu machen. Was die Bauern verkaufen, gilt der Nahrungsmittel-Industrie schon lange nur noch als Rohstoff. So ist es auch zu erklären, dass Rinder, Schweine oder Puten in den landwirtschaftlichen Betrieben oft nur noch als Kostenfaktor wahrgenommen werden. Es gibt noch viel zu tun, bis Essen wieder uneingeschränkt Spaß macht.

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