Meinung : BSE: Die EU hat die Seuche

Eric Bonse

Wenn es um den Fleischtrog geht, dann hört die Gemütlichkeit auf.

Diese schlichte Einsicht, die schon im Neandertal bekannt war, hat in der postmodernen Kommunikationsgesellschaft nichts an Durchschlagskraft eingebüßt. Im Gegenteil: Im Zeitalter von "Rinderwahn" und Internet verbreiten sich Viren, Prionen und Panikanfälle schneller denn je. Selbst ein so nüchterner und besonnener Mann wie Lionel Jospin kommt gegen Futterneid und BSE-Angst nicht mehr an. Wider bessere Einsicht hat der Pariser Premierminister am gestrigen Mittwoch ein Totalverbot gegen Tiermehl verhängt.

Dabei hatte Lionel Jospin zunächst den richtigen Denkansatz: Vor einem einseitigen Embargo wollte er zunächst ein Gutachten der Pariser Lebensmittelbehörden und die Meinung der EU-Partner abwarten. Das wäre vernünftig gewesen. Denn ohne wissenschaftliche Kontrolle und europäische Abstimmung kann niemand den Kampf gegen den "Rinderwahn" gewinnen. Nur wenn Experten und EU-Länder das Ziel gemeinsam verfolgen, kann sich die Seuche eindämmen und eines Tages - hoffentlich - sogar ausrotten lassen.

Doch ausgerechnet in Frankreich, dem Land des Rationalisten René Descartes, hat sich eine regelrechte Hysterie breitgemacht. Und ausgerechnet Präsident Jacques Chirac, der die BSE-Gefahr noch 1996 auf einem französisch-britischen Gipfeltreffen verharmloste, hat sich an die Spitze der populistischen Bewegung gesetzt. In einer Fernsehansprache forderte Chirac das Verbot des Tiermehls, obwohl er kurz zuvor selbst erklärt haben soll, dass ein Embargo "noch lange nicht durchführbar" sei. Premier Jospin schäumte ob dieser "demagogischen und unverantwortlichen" Position - und fügte sich unter dem Druck der öffentlichen Meinung dann doch.

Damit hat die Emotion über den Verstand, das innenpolitische Kalkül über die europäische Solidarität gesiegt. Frankreich ist in Gefahr, wie zuvor schon England, in einen abstrusen Ernährungs-Nationalismus abzugleiten. "Buy british", tönt es auf der Insel, "mangez français" könnte es bald schon links des Rheins heißen. Selbst Deutschland scheint gegen den neuartigen Virus nicht immun zu sein. Dabei ist auch "frisches Fleisch aus deutschen Landen" nicht über jeden Zweifel erhaben. Erst eine flächendeckende Ausweitung der BSE-Tests könnte das wachsende Mißtrauen zerstreuen.

Der Rindfleisch-Nationalismus ist freilich nicht völlig überraschend: Er ist die Kehrseite eines pervertierten EU-Liberalismus. Jahrelang hat die Brüsseler Kommission der Europäischen Union die BSE-Seuche systematisch verharmlost. Das Embargo gegen britisches Beef wurde, wie sich jetzt zeigt, voreilig aufgehoben. Gegen den heimlichen Export BSE-verdächtigen Tiermehls von der Insel auf den Kontinent wurde nichts unternommen. Anstatt die Verantwortlichen für die schlimmste Seuche seit dem Aids-Virus zur Rechnung zu ziehen, verfolgt Brüssel ausgerechnet jene, die sich - wie Frankreich - gegen ihre Ausbreitung wehren.

Bleibt zu hoffen, dass mit dem unverantwortlichen Laisser-Faire nun endlich Schluss ist. Europa braucht eine unabhängige Agentur zur Überwachung der Lebensmittelsicherheit und eine Harmonisierung der Vorsichtsmaßnahmen in Sachen BSE. Der französische Alleingang könnte dazu paradoxerweise den entscheidenden Anstoß geben. Denn Paris hat derzeit den EU-Vorsitz inne. Auf den nationalen Vorstoß in Sachen Rindermehl dürften bald französische EU-Initiativen folgen.

Aussicht auf Erfolg haben sie allerdings nur, wenn Deutschland mitzieht. Nur wenn der deutsch-französische "Motor für Europa" funktioniert, kann der Verbraucherschutz grenzüberschreitend vorankommen. Bisher zeichneten sich allerdings ausgerechnet die Umwelt- und Gesundheitsminister der Grünen in Berlin durch eine ausgeprägte Abneigung gegen französische Initiativen aus. Höchste Zeit, dass sie beim "Rinderwahn" über ihren Schatten springen. Oder ist der Rindfleisch-Nationalismus etwa auch eine Krankheit der Grünen?

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