Meinung : BSE: Die Moral des Schlächters

Bernd Ulrich

Nun ist es also beschlossen und verkündet: In Deutschland werden 400 000 Rinder geschlachtet. Dafür gibt es viele vernünftige Argumente. Eines vor allem: Es stehen zu viele Tiere in den Ställen, weil der Rindfleischmarkt eingebrochen ist. Die Verbraucher wollen nicht essen und die Schlachthäuser wollen nicht schlachten, weil sie Angst haben, ihre Maschinen zu verseuchen. Also wird verbrannt. Außerdem werden BSE-befallene Rinderherden gekeult. Weil man nicht genau weiß, wie BSE übertragen wird, muss man alles töten, was sich im Umfeld eines kranken Tieres befindet, wenn man auf Nummer sicher gehen will. Und das wollen wir ja. Das sind die sachlichen Gründe für das große Schlachten, das jetzt anhebt.

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Wer gegen diese blutige Sachlichkeit moralisch argumentiert, wie es Tierschützer seit eh und je und Bauern neuerdings tun, der muss sich nach seinen Maßstäben fragen lassen. Es gibt verschiedene Grade von Respekt vor dem Tier

Manche buddhistischen Mönche tragen immer einen kleinen Besen mit sich, um beim Gehen den Weg vor sich zu fegen, damit sie nicht versehentlich auf ein Insekt treten. Das ist sehr ehrenhaft, aber für uns hier eher unrealistisch.

Manche Tierschützer essen keinen Honig und tragen keine Seide, weil sie das für Ausbeutung von Bienen und Raupen halten. Das ist sympathisch, klingt jedoch übertrieben.

Respekt vor dem Tier kann man aber auch dann noch haben, wenn man es absichtlich tötet. Sogar wenn man es tötet, um es zu essen. Das setzt dreierlei voraus: 1. Das Tier wird unter artgerechten Bedingungen gehalten. 2. Es wird so getötet, dass es nicht unnötig leiden muss. 3. Es wird mit Genuss verzehrt. Selbst wenn die zweite Voraussetzung nicht gegeben ist, wenn also das Tier unter Qualen sterben muss, kann darin die Würde des Tieres noch geachtet werden. Beim Stierkampf wird quälend langsam, eben rituell getötet. Der Stier wird dabei aber als gefährliches, also starkes Gegenüber akzeptiert. Auch wenn das arme Tier das vermutlich nicht weiß.

Der Buddhist, der Honigabstinente, der Ökobauer, der Genießer, der Torero - bei ihnen allen findet sich noch eine gewisse Achtung vor dem Tier. Sie alle dürften dem Blick in die Augen des Tieres standhalten können. Die herrschende Landwirtschaft und die herrschende Art zu essen dagegen befinden sich weit unterhalb dieses kulturellen Niveaus. Gegen den schnellen Esser billigen Fleisches ist der Torero ein Sentimentalist.

Der industrielle, schnelle und gleichgültige Umgang mit Tieren ist, übertragen gesprochen, unmenschlich. Und wem dann auf einmal die Moral einfällt, wenn 400 000 von 15 Millionen deutschen Rindern früher geschlachtet werden als geplant, und sie nicht gegessen werden, sondern verbrannt, der muss sich den Vorwurf der Heuchelei gefallen lassen. Besonders dann, wenn man über die wenigen Tausend wegen BSE gekeulten Rinder so viel trauriger ist als über die vielen Tausend im Namen der Preisstabilität getöteten Tiere.

Damit ist der Fall allerdings nicht erledigt. Dazu vielleicht eine kleine Geschichte. Vor ein paar Jahren, an einem Abend in einer Kneipe im Schwarzwald. Ein Schlächter saß da in einer Ecke und trank innerhalb einer Stunde acht Viertel Rotwein. Dabei redete er unablässig. Der Schlächter hatte grindigen Ausschlag und nur ein Thema: die Tiere. Abertausende von ihnen hatte er umgebracht, Rinder, Schweine, Schafe, alles. Der Schlächter litt unter einem Albtraum, der sich jede Nacht wiederholte. Darin kamen all die toten Tiere langsam von den Hügeln her auf sein Haus zu, stumm, wie bei einem Trauermarsch. Kurz bevor sie sein Haus erreichten, wachte er auf. Trotz des Rotweins. Ungefähr ein Jahr nach diesem Abend brachte der Schlächter sich um, mit einem Bolzenschussgerät. Das ist natürlich kein Argument, weder ein sachliches, noch ein moralisches. Aber es stimmt.

Meistens leisten Schlächter die Trauerarbeit. Doch durch BSE kann keiner mehr die Lebendigkeit der Tiere verdrängen. Sie bringen sich in Erinnerung, so oder so.

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