Meinung : BSE: Nur die Kirche bleibt im Dorf

Dagmar Dehmer

Rindfleisch ist wegen der BSE-Gefahr tabu. Wer zu Schweinefleisch oder Geflügel greift, muss damit rechnen, Antibiotika mitzuessen. Einkaufen ist zu einer komplizierten Wissenschaft geworden. Fast nichts, was auf den Tisch kommt, ist unverdächtig.

Das ist zwar schon lange so. Neu ist jedoch, dass darüber geredet wird, was in den Nahrungsmitteln steckt. Neu ist auch, dass Ministerinnen und Minister wegen Lebensmittelskandalen zurücktreten müssen: erst Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer (Grüne) und ihr Kollege Landwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke (SPD); gestern - endlich - die bayerische Gesundheitsministerin Barbara Stamm (CSU). Vor gut zehn Jahren gelang es dem damaligen Landwirtschaftsminister Ignaz Kiechle dagegen noch problemlos, den Hormonskandal um Kälber auszusitzen.

Plötzlich wird das Thema Ernährung wichtig genommen. Bisher konnte sich die Politik darauf verlassen, dass die Verbraucher möglichst schnell vergessen wollten, was sie durch einen Lebensmittelskandal erfahren hatten. Die BSE-Krise reicht tiefer. Die Skandale um Hormon-Kälber unter Kiechle oder die belgische Schweinemast-Mafia schienen Ausnahmen von der Regel zu sein. Die besagte: Landwirtschaft ist gesund. Man machte Ferien auf dem Bauernhof.

Was früher als skandalöse Ausnahme galt, scheint heute skandalöse Regel zu sein. Welches Essen ist noch sicher? Das ist unbequem, weil es jeden trifft, der nicht reiner Vegetarier ist. Plötzlich sollen die Verbraucher selbst für ihre Ernährung verantwortlich sein. Und können es doch nur sehr begrenzt. In einer arbeitsteiligen Industriegesellschaft kann nicht jeder sein kleines Gärtchen bestellen und im Hinterhof ein Schwein, ein paar Hühner und eine Ziege halten.

Wie es zur heutigen Misere kam - daran will niemand schuld sein. Am wenigsten die Verbraucher. Dass sie mit ihrer Schnäppchenjagd mit dafür gesorgt haben, dass die Bauern immer billiger produzierten, wollen sie sich nicht vorwerfen lassen. Die Bauern weisen ebenfalls jede Verantwortung dafür, dass sie Rindern Tiermehl vorgesetzt haben oder Schweinen und Puten vorbeugend Antibiotika ins Futter gemischt haben, von sich. In der Ernährungsindustrie und erst recht bei den Futtermittelherstellern ist es schon lange Brauch, dass besser nicht allzu deutlich darauf hingewiesen wird, was sich hinter den Produkten verbirgt. Nur so ist zu erklären, dass aromatisierte Sägespäne im Joghurt, die für die Fruchtanmutung sorgen sollen, nicht längst einen Kaufboykott ausgelöst haben.

Das System ist außer Kontrolle. Ein Umstand, der vielen Politikern jahrelang geholfen hat, sich die Verantwortung vom Leib zu halten. Schuld an den Missständen waren wahlweise die Europäische Union, die Globalisierung oder das Versagen der Lebensmittelüberwachung. Seit zwei Monaten helfen solche Ausflüchte nicht mehr. Nicht einmal einer Barbara Stamm, die ein beeindruckendes Beharrungsvermögen gezeigt hat. Gestern begründete sie ihren Rücktritt mit dem, "was über sie gekommen" sei. Sie hat noch immer nicht verstanden, dass sich seit Beginn der BSE-Krise in Deutschland etwas verändert hat. Barbara Stamm wollte nicht einsehen, dass es ein Fehler war, den Kraftfuttermühlen in Bayern zu gestatten, bis zu einem Prozent Tiermehl im Rinderfutter zuzulassen. Schließlich hatte sich jahrelang niemand darum geschert, obwohl die Verfütterung von Tiermehl an Rinder seit 1994 in der gesamten EU verboten war.

Und Antibiotika im Schweinefutter? Warum sollte sich Barbara Stamm darüber aufregen. Schließlich konnte jeder wissen, dass die Massentierhaltung ohne den exzessiven Einsatz von Medikamenten nicht möglich wäre. Dass auch verbotene Mittel zum Einsatz kamen, könnte sie gewusst haben. Nur interessiert hat es sie nicht. In Bayern gilt schließlich das eherne Gesetz, dass man sich nicht mit der Kirche und nicht mit den Bauern anlegt. Beides könnte politisch tödlich sein. Barbara Stamm musste verwundert und verletzt zur Kenntnis nehmen, dass sie gegen diese eiserne Regel hätte verstoßen müssen, um politisch zu überleben.

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