Meinung : BSE: Ohne Panik keine Dynamik

Kerstin Kohlenberg

Gibt es in diesem ganzen BSE-Schlamassel etwa doch einen Grund zur Freude? Weil das Umwelt-Thema wieder da ist? Sogar der Kanzler will wieder glückliche Kühe in glücklichen Currywürsten. Ist BSE etwa ein zweites Tschernobyl? Damals im April 1986 hielt Deutschland schon mal den Atem an, um kurz darauf den ersten deutschen Umweltminister auszuspucken. Der Schock ging seinerzeit so tief, dass er sogar Folgen hatte: Zwei Monate nach dem GAU wurde Walter Wallmann (CDU) zum ersten Bundesumweltminister ernannt.

Damit wollte man das kurzfristige Reagieren in ein langfristiges Dirigieren umwandeln. Auch in der Zeit zwischen den Katastrophen sollte für die Umwelt gesorgt sein. Dieses Projekt kann man leider nicht als besonders geglückt ansehen. Aber Gerhard Schröder hat es nun geschafft, aus diesem Übel einen Coup zu machen. Die Umweltpolitik steht derzeit ganz oben auf der Liste seiner "Verholzmannisierungen": Die mediale Größe der Krise entscheidet über Drastik der Maßnahmen. Sobald allerdings die Aufregung verfliegt, verschwindet auch das Thema. Und mit ihm irgendwann auch Holzmann und die Entfernungspauschale.

Das Problem mit der Umwelt ist: Wir wissen schon alles über sie. Waldsterben, Robbensterben, Luft, Wasser. Auch den besten Krimi will man nicht jede Woche wieder sehen. Aber eine richtige Umweltkrise, mit Gesundheitsgefährdung, armen Tieren und allem Drum und Dran - das ist was anderes: Das Thema interessiert die Leute und rehabilitiert die Politiker. Denn in Momenten größter Angst verzeihen die Bürger ihren Politikern fast alles, was sie in der Sache vorher mal gesagt haben. Hauptsache sie sind jetzt konsequent und mutig. Genau das versucht Schröder gerade wieder. Weg mit den Agrarfabriken, Tiermehlverbot sofort. Auch ein wenig Selbstkritik kommt an. "Wir waren alle daran beteiligt, dass sich die Agrarpolitik in diese Richtung entwickelt hat," sagt Friedrich Merz. Sind wir nicht alle irgendwo Bauern, du? Klingt fast wie das Krisengespräch in einer WG. Grüne Zeiten also?

Über die ganze Euphorie vergisst man leicht, was die Umwelt braucht, wenn sie ein dauerhaftes Thema sein soll. Sie braucht eine Basis, und die entsteht zum Beispiel dadurch, dass Menschen ihre Zeitungen in einer Ecke der Küche stapeln, um sich dann die Mühe zu machen, sie in die nächste Querstraße zum Altpapiercontainer zu bringen. Nur so entsteht ein Bewusstsein für Ressourcen, für Endlichkeit. Das Kapital der Umwelt. Nur so, kann überhaupt Verständnis für Themen wie die Reduzierung des Kohlendioxyd-Ausstoßes wachsen. Themen, die kaum mit einer spektakulären Massenpanik rechnen können. Und genau hier brechen der Umwelt Teile ihrer Basis weg. Denn wo sind die Container in Berlin geblieben? Plötzlich waren sie weg. Am Umwelttelefon wurde den Sammlern mitgeteilt, dass sie ihr Altpapier ab sofort in den Hausmüll werfen sollen. Grund sei der steigende Wettbewerbsdruck durch die billigen Einfuhrpapiere aus den Entwicklungsländern.

Den einzigen Trumpf, den die Ökologen noch haben, ist, dass die Katastrophen, von denen sie bislang meist nur reden konnten - und oft schon selbst nicht mehr reden mochten - immer häufiger Konturen zeigen und sich ins Bewusstsein drängen. Dadurch könnten sich die beiden großen Nachteile des Umweltschutzes - gut und zickig - in Bonuspunkte umwandeln, denn gut sein steht wieder hoch im Kurs. Angesichts der allgemeinen Werteverwirrung scheint es ein gutes Gefühl, von einer Sache überzeugt zu sein. Zum anderen wollen viele Deutsche ihren Wohlstand nicht mehr um jeden Preis. Gentechnologie und die unnatürliche Zukunft des Menschen scheinen ein Bedürfnis nach Natürlichkeit zu wecken. Nach einer inneren Reserve dagegen, die Kampfzonen der Freiheit nicht noch weiter auszudehnen.

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