Meinung : BSE: Problem gegessen

Alexander S. Kekulé

Bei manchen Experimenten wünschen sich die Forscher hinterher, nie damit angefangen zu haben. Bei einigen ist man hinterher sogar dümmer als vorher. Die übelste Spezies von Experimenten ist jedoch die, bei der von Anfang an feststeht, dass sie nur in Frustration und Ratlosigkeit enden können. Einen solchen Masochistenspaß hat sich in den letzten Monaten die britische BSE-Expertenkommission SEAC gegönnt: Nachdem das BSE-Problem bei Rindern halbwegs unter Kontrolle ist, untersuchte sie die Frage, ob der Rinderwahnsinn auch auf Schafe übertragen werden kann. Die für kommende Woche angekündigte Antwort steht bereits seit Jahren fest: Sie lautet "Ja", ohne Wenn und Aber. Schafe können sich infizieren, wenn sie den BSE-Erreger mit dem Futter aufnehmen. Schafe haben jahrelang tonnenweise Tiermehl bekommen, das zum Teil mit den BSE auslösenden Prionen verseucht war - warum also sollten die Wolltiere als einzige von der Seuche verschont worden sein?

Keulen kommt nicht in Frage

Je größer die wirtschaftliche und psychologische Konsequenz einer Erkenntnis ist, desto schwerer tun sich Wissenschaftler damit, ihre Ergebnisse ungeschmückt zu formulieren. In solchen Fällen ist es einfacher, von verbleibenden Zweifeln zu sprechen und nach weiteren Beweisen zu suchen. BSE bei Schafen wäre deshalb besonders gefährlich, weil unter ihnen eine andere Prionenkrankheit weit verbreitet ist: das seit dem 18. Jahrhundert bekannte, nicht auf den Menschen übertragbare Scrapie. Da die Symptome identisch sind, könnten gefährliche BSE-Infektionen jahrelang mit Scrapie verwechselt worden sein.

Mit einem neuen biochemischen Verfahren ist es jedoch möglich, verschiedene "Stämme" von Prionen zu unterscheiden. Damit konnte bereits gezeigt werden, dass die neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung (nvCJK) und BSE vom gleichen Prionen-Stamm (Typ 4) ausgelöst werden - der wichtigste Hinweis auf die Übertragbarkeit von BSE auf den Menschen.

Mit dieser Methode haben die Forscher jetzt 2863 britische Schafshirne untersucht, die aus den Hochzeiten der Tiermehl-Verfütterung Anfang der 90er Jahre stammen. Tatsächlich fanden sie bei einigen Tieren die Prionen vom Typ 4, die sonst nur bei BSE und nvCJK vorkommen. Nach allem was bisher über Prionen bekannt ist, gibt es dafür nur eine Erklärung: Die Schafe wurden mit dem BSE-Erreger infiziert - womit bewiesen wäre, was längst bewiesen war. Damit ist aber nicht klar, wie es nun weitergehen soll.

Die meisten Schafe werden bereits als Lämmer geschlachtet, Jahre vor dem möglichen Auftreten der BSE-Symptome. Obwohl Risikomateriale wie Gehirn und Rückenmark schon infektiös sein können, funktioniert der BSE-Test in diesem Alter noch nicht. Eine Neuauflage der bei Rindern erprobten Testung und Keulung aller BSE-Verdachtsfälle kommt deshalb für Schafe nicht in Frage. Auch die bei Rindern inzwischen praktizierte, säuberliche Abtrennung des Nervengewebes und anderer Risikomateriale ist bei den winzigen Lämmern nicht realisierbar, im Gegenteil: Durch die übliche Schnittführung quer zur Wirbelsäule wird das prionenhaltige Rückenmark Scheibe für Scheibe gleichmäßig auf den Lammkoteletts verteilt. Damit sind die leckeren Rippenteile allemal gefährlicher als Rindersteaks.

Kochen, Kauen, Runterschlucken

Da Schafe inzwischen kein Tiermehl mehr fressen müssen, dürften die meisten BSE-Lämmer schon verspeist worden sein. Bleibt zu hoffen, dass es nicht allzu viele waren. Wenn Schafs-BSE - im Gegensatz zu Scrapie - nicht bei der Geburt übertragen wird, könnten die heutigen Bestände schon wieder BSE-frei sein, zumindest theoretisch. Die Expertenkommission SEAC wird deshalb kommende Woche wohl in gewohnter Weise erst einmal weitere Untersuchungen fordern, bevor sie sich endgültig festlegt. Auf eine Erledigung des Problems durch Kochen, Kauen und Herunterschlucken hofft offenbar auch die Europäische Union: Erst ab kommendem Jahr soll mit systematischen BSE-Tests bei älteren Schafen begonnen werden.

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