Meinung : Bündnis 90/Die Grünen: Was ist grün an den Grünen?

Bernd Ulrich

Frank Schirrmacher hat vorgestern in der Auseinandersetzung über die Vergangenheit Joschka Fischers ein überraschendes Argument vorgetragen: Nicht die revolutionäre Vergangenheit der 68er sei von Belang, sondern "ihr idealistischer Kern: Das war - jenseits aller Irrtümer - ein neuer Begriff von Umwelt, Mensch und Biologie." Der "FAZ"-Herausgeber bezieht diese Beobachtung auf die grüne Partei und ihre Chancen. Das ist so hellsichtig und dabei so wunderbar ahnungslos, dass es sich lohnt, seine Vision mit den jüngsten Ereignissen zu konfrontieren.

In der Nacht zum Mittwoch haben die Grünen der SPD eines der wichtigsten Zukunftsfelder überlassen: Die rote, auf den Menschen angewendete Gentechnologie. Die wird nun von Gesundheitsministerin Schmidt und Forschungsministerin Bulmahn abgedeckt, also: kanzlernah.

Schirrmacher hat schon seit längerem die Grünen geradezu angehofft, dass sie sich beim Thema Gentechnologie zur moralisch-technologischen Avantgarde aufschwingen. Andrea Fischer zuerst, andere Grüne etwas später, haben damit auch begonnen. Und nun? Nun haben sie dazu keinen operativen Zugang mehr. Stattdessen, so könnte man einwenden, hat die Öko-Partei das Landwirtschaftsministerium bekommen. Und dann ist da ja noch das Umweltministerium. Was für schöne Möglichkeiten. Theoretisch. Wenn man auf die beiden Minister schaut, sogar sehr theoretisch. Renate Künast ist in der Wolle so wenig ökologisch-grün gefärbt wie Jürgen Trittin.

Dass die Grünen die Gentechnologie aus der Hand gaben und dass sie wieder mal keine Ökologen fürs Ökologische auftreiben konnten, hat denselben Grund: Schirrmachers Ausgangsthese ist falsch. Ein "neuer Begriff von Mensch, Umwelt und Biologie" war niemals der idealistische Kern der 68er. Ihnen ging es politisch um Sozialismus, lebensweltlich um Libertinage. Die 68er sind bei den Grünen zur Umwelt gekommen wie zu einem gefährlichen, fremden Wesen. Sie haben die Ökologie sogleich anti-kapitalistisch ideologisiert, um sie sich verständlich und genießbar zu machen. Und als die reformistische Phase anbrach, als bei den Grünen alle Ideologie in Bürokratie verwandelt wurde, da widerfuhr dies auch der Ökologie. Im Laufe dieses ideologischen Purgatoriums sind fast alle wirklichen Naturfreunde an den Rand gedrängt worden.

Joschka Fischer, ehemals "Revolutionärer Kampf", hat das Thema in seiner Zeit als Umweltminister gestemmt, wie der Maurer den Sack Zement stemmt: mit zusammengebissenen Zähnen. Und so macht es auch Jürgen Trittin, ehemals kommunistischer Bund. Und so stemmt jetzt Renate Künast die Landwirtschaft. Auch Andrea Fischer, ehemals Gruppe Internationaler Marxisten, hat sich der Gentechnologie nicht angenommen, weil sie so grün ist, sondern weil sie so katholisch ist.

Das ist die grüne Regel: Wer etwas zu sagen hat, ist kein Ökologe; wer Ökologe ist, hat nichts zu sagen. Die Ausnahmen von dieser Regel lassen sich an einer Hand abzählen. Und diese Hand hatte Joschka Fischer, als es um die Besetzung des Ministeriums ging, tief in der Hosentasche vergraben. Weil das so ist, muss man Schirrmachers Hoffnung verwegen nennen, dass die Grünen sich der Biologie zuwenden. Im Kopf eines grünen Machtpolitikers ist die Sache mit den Genen vor allem eines: gefährlich für die Machterhaltung. Denn da wird der Kanzler in absehbarer Zeit die meisten Hemmungen fallen lassen. Die Frage, die sich einem Grünen beim Thema Gentechnologie stellt, lautet darum nicht: Wie kommen wir da rein, sondern: Wie kommen wir da heil raus?

Hellsichtig ist Schirrmachers These dennoch. Weil die einzige Zukunftschance der Grünen in der Tat Ökologie, Biologie, Gentechnologie ist. Alles andere wäre ein bloßes Zuende-Verwalten von 68er-Biografien. Dafür allerdings müssten die grünen Spitzen umdenken und aufhören, ihre linken Biografien zu betüteln. Und dann müsste Fischer die Hand, an der er die Ökologen abzählt, aus der Tasche nehmen, wenn wieder ein Ministerium besetzt wird. Oder ein Parteivorsitz.

0 Kommentare

Neuester Kommentar