Bürgerbeteiligung bei Stadtentwicklung : Guggenheim Lab sollte Gegner miteinbeziehen

Kaum eine Debatte hat die Stadt in den letzten Wochen mehr beschäftigt als die um das Guggenheim Lab. Ein Laboratorium mitten in der Problemzone kann ein Gewinn sein, wenn die Offerte einer offenen Debatte ernst gemeint ist.

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Computer-Animation des Guggenheim Lab. So könnte es mal aussehen.
Computer-Animation des Guggenheim Lab. So könnte es mal aussehen.Foto: AFP/ BMW GUGGENHEIM LAB

Reisen bildet. In Mumbai konnte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit gerade beobachten, wie brachial dort Konflikte der urbanen Erneuerung und Verdrängung ausgetragen werden. Dort soll das Guggenheim Lab als Nächstes Station machen. Von indischen Verhältnissen ist Berlin weit entfernt; der Brisanz des Themas an der Spree nimmt das nichts. Wenn das Lab nun doch nach Berlin kommt, nicht nach Kreuzberg, sondern nach Prenzlauer Berg, ist das gut. Darüber hinaus ist festzuhalten, dass Berliner derzeit kaum ein Thema so emotional berührt wie die Veränderung ihrer Stadt. Von Ende gut, alles gut, sind wir weit entfernt. Eines hat das Lab aber schon erreicht: Berlin diskutiert – was eine respektable Leistung ist für ein in der Realität doch recht unspektakulär daherkommendes Projekt.

Der Protest gegen das Guggenheim Lab in Bildern

Der Protest gegen das Guggenheim Lab und andere Projekte
Feindbilder. Nach dem Guggenheim-Lab wollen linke Aktivisten auch eine Wohnbebauung auf dem Kreuzberger Grundstück verhindern.Alle Bilder anzeigen
1 von 6Foto: Heinrich
01.04.2012 18:07Feindbilder. Nach dem Guggenheim-Lab wollen linke Aktivisten auch eine Wohnbebauung auf dem Kreuzberger Grundstück verhindern.

Erschwert hat die Ankunft jedoch auch das Ungeschick der Lab-Macher. Wer das Projekt wie ein Ufo auf einer Brachfläche in Kreuzberg landen lässt, ohne den Versuch, die Anwohner und den Bezirk einzubinden, der bekommt harsche Reaktionen auch von Menschen, die weit entfernt davon sind, die Drohungen gegen das Lab gutzuheißen. Denn ein Laboratorium, in dem sich die neue Stadt entwickelt mit allen Brüchen und Umbrüchen, Veränderungen und Verdrängungen, ist Berlin längst in einer die Menschen beunruhigen Weise. Dass Berlin nach dürren Jahren endlich ein wenig prosperiert, kann niemand genießen, der sich in seinem Kiez und seinen Lebensverhältnissen von steigenden Mieten und Immobilenpreisen bedroht fühlt. Veränderung und Entwicklung gehören zu Berlin; sind geradezu konstitutioneller Bestandteil. Niemand darf sich deshalb anmaßen, bestimmen zu wollen, was diskutiert werden darf oder nicht.

Aber zwischen kritisiertem Ausverkauf der Stadt und angeblicher Investorenfeindlichkeit liegt ein weites Feld der politischen Gestaltungsfähigkeit. Dazu gehört die jüngst gestoppte, zuweilen undurchsichtige und zu preiswerte Direktvergabe von Immobilien, aber auch die unverständliche Bummelei beim Wohnungsbau, wo der Senat erst im Sommer 2013 sagen will, wie dringend benötigte preiswerte Wohnungen für eine wachsende Bevölkerung geschaffen werden sollen. Am Spreeufer hat der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg dagegen vorgemacht, wie man die Mediaspree-Kritiker einbinden kann in die Suche nach besseren Bebauungsplänen, bei der nicht immer die Investoren Vorrang haben. Der Senat dagegen ignorierte das erfolgreiche Bürgerbegehren gegen die massive Uferverbauung weitgehend. Veränderung ist machbar, Herr Nachbar.

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Kreuzberg ohne Denkfabrik
Kreuzberg ohne Denkfabrik

Ein Laboratorium mitten in der Problemzone kann ein Gewinn sein, wenn die Offerte einer offenen Debatte ernst gemeint ist. Dazu sollte das Guggenheim Lab transparent sein und auch seine Gegner einladen, das Programm und seine Themen zu gestalten. Denn die Frage, wie wir künftig leben wollen, betrifft alle Berliner. Eine „Bürgerbeteiligung“, mit der die Verwaltung pflichtgemäß ein Bauvorhaben veröffentlicht, wenn die Planung längst festgezurrt ist, darf keine Zukunft haben. Noch ist Zeit, das Guggenheim Lab entsprechend zu programmieren. Wer als einziges, armseliges Argument die Drohung hat, wird sich nicht einbinden lassen – aber auch in New York gab es dafür einen Wachschutz.

Nach der Kontroverse ist deshalb vor der Debatte. Im Labor muss alles und jedes infrage gestellt werden: Nur dann kann Wissenschaft erfolgreich sein – und Politik auch. Die kann im Lab allerdings nicht enden.

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